„Beyond the Pill“ ist das Schlagwort der letzten Jahre. Dahinter liegt die Erkenntnis, dass es dem Patienten nicht mehr ausreicht, eine Pille verschrieben zu bekommen – verbunden mit der Anweisung, wann er diese einzunehmen hat. Patienten wollen mehr Verantwortung für den Heilungsprozess übernehmen und die Digitalisierung eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, dies zu unterstützen.

Pharmaunternehmen werden in der nächsten Zeit entscheiden müssen, wie sie mit dieser Entwicklung umgehen möchten: Ob sie als Chance genutzt wird, die eigene Marke dem Patienten näherzubringen, oder ob sie gar fester Bestandteil des Business Modells „Medicine as a Service“ wird.

Wir wollen Ihnen vier erfolgreiche Beyond-the-Pill-Ansätze vorstellen. Die Beispiele zeigen, wie erfolgreich digitale Produkte Patienten über die Pille hinaus zu besserer Gesundheit verhelfen.

1. Livongo – Mit Connected Health zu mehr Lebensqualität

Livongo ist ein Start-up aus Kalifornien, das Menschen mit Diabetes helfen will, ihre Erkrankung besser zu managen. Herzstück ist ein digitales Messgerät, welches die erfassten Daten automatisch an eine Plattform übermittelt. Patienten können im Messgerät direkt Hintergrundinformationen zu den erfassten Daten eingeben, z.B. zu den verzehrten Speisen oder zur aktuellen Stimmung. Gleichzeitig können sie auf die Onlineplattform zugreifen, um mehr Insights zur eigenen Erkrankung zu bekommen. Ein weiterer Service: Patienten bekommen automatisch personalisierte SMS mit Empfehlungen zugesendet.

Der zweite wichtige Bestandteil der Lösung von Livongo: Unter- oder überschreitet der Wert eines Diabetes-Patienten ein bestimmtes Level, wird automatisch eine Nachricht an vorher festgelegte Personen gesendet, die ihn kontaktieren können. Außerdem hat der Patient Zugriff auf einen Coach, einen qualifizierten medizinischen Experten, der mit Rat und Hilfe zur Seite steht und dabei hilft, ein Leben mit geringeren Einschränkungen zu führen.

  • “I have a good relationship with my physician but I feel I speak with [my Coach] more often. Having a coach has contributed to fewer doctor visits and less money spent that way. I feel that she really cares if I make it or meet my goals [on diet and exercise].”

    Patientin bei Livongo

2. GSK und Propeller Health – Lernen durch Daten-Insights

GSK arbeitet zusammen mit dem Start-up Propeller Health an einer Lösung, um Menschen mit Asthma oder Raucherhusten zu helfen, durch die Krankheit verursachte Barrieren im Alltag abzubauen. Das Start-up hat einen angepassten Sensor für den Ellipta Inhalator von GSK entwickelt, dieser wird an den Inhalator angeschlossen und sendet automatisch erfasste Daten zu Ort, Dauer und Zeitpunkt an GSK. Das Pharmaunternehmen kann diese Daten einsetzen, um noch bessere Produkte für Patienten zu entwickeln.

Natürlich bietet der Sensor für Patienten darüber hinaus wertvolle Hilfestellung: Er erinnert daran, wann der Inhalator benutzt werden sollte und hilft durch die erfassten Daten herauszufinden, wann und warum es zu Asthma-Attacken kommt. Patienten werden so dazu befähigt, ihre Gesundheit mehr in die eigenen Hände zu nehmen und sich so zu verhalten, dass es zu keiner Attacke kommt.

Außerdem macht Propeller Health diese Daten dem Arzt zugänglich, er kann die Daten online einsehen und qualifizierten medizinischen Rat geben. Und der Sensor kann noch mehr: er involviert das soziale Support System des Patienten und benachrichtigt z.B. Eltern, wenn ihr Kind den Inhalator benutzt. Propeller Health verspricht mit dieser Beyond-the-Pill-Lösung bis zu 70 % weniger Attacken und 50 % mehr Tage ohne Symptome, da Medikamente zum richtigen Zeitpunkt genommen werden und Patienten die richtigen Vorkehrungen treffen können.

Propeller Health

3. BlueStar von WellDoc – Die App für Diabetes Patienten

Eine klassische „Diabetes Management“ App ist BlueStar für Typ 2 Diabetiker. Sie ist FDA-genehmigt und kann in den USA von Ärzten verschrieben werden. Die App spricht Empfehlungen auf Basis der vom Patienten eingegebenen Blutwerte aus: So empfiehlt sie bei einem niedrigen eingetragenen Wert z. B. 15 Gramm schnelle Kohlenhydrate zu sich zu nehmen und erinnert nach 15 Minuten daran, die Werte noch einmal zu kontrollieren. Darüber hinaus bietet die App auch einen Rechner an zur Bestimmung der richtigen Insulin-Dosis, je nach konsumiertem Essen.

Gleichzeitig haben Patienten die Möglichkeit, Schlaf- und Ernährungsdaten sowie Daten zu ihrem emotionalen Status einzugeben. So hilft die App, anhand dieser Daten Insights zu den Ursachen der Erkrankung zu bekommen und ermutigt den Betroffenen, eigenverantwortlicher für die eigene Gesundheit zu sorgen.

BlueStar

4. Treat by Leo Innovation Lab – Heilung durch bessere Ernährung

Treat

Gerade bei Hauterkrankungen hat die Ernährung einen entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Eine gute und ausgewogene Ernährung kann entscheidend zu einer Linderung der Symptome beitragen. Dafür muss man wissen, was gute Ernährung ausmacht und benötigt motivierende Unterstützung im Alltag, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Leo Pharma ist ein weltweit agierendes Pharmaunternehmen, das sich in den Bereichen Dermatologie und Thrombose spezialisiert. Es hat vor einiger Zeit das Leo Innovation Lab ins Leben gerufen, das mit digitalen Produkten das Leben von Patienten mit Hauterkrankungen verbessern möchte. Eines der Produkte ist die App TREAT: Die App hilft Psoriasis-Patienten durch ihre Ernährung besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Durch die Registrierung erhält der Patient Zugang zu einem Coach, der ihm hilft, die Symptome seiner Krankheit zu lindern.

In einem ersten Schritt evaluiert der Coach die Ernährungsgewohnheiten des Patienten, indem dieser ihm Bilder seiner Mahlzeiten sendet und dafür Punkte bekommt. Im zweiten Schritt führt der Coach den Patienten durch einen 12-wöchigen Kurs, der ihn Schritt für Schritt zu einer besseren Ernährung führt und die wichtigsten Grundlagen beibringt. Dieser „Beyond the Pill“ Ansatz zeigt, wie Leo Pharma über die Kern-Produkte hinaus zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann.

Für Erfolg brauchen Patienten Insights und menschliche Verbindungen

Eines haben all diese Initiativen gemeinsam: Sie arbeiten daran, den Patienten zu unterstützen, damit dieser mehr Verantwortung für den eigenen Heilungsprozess übernehmen kann. Dafür nutzen fast alle zwei wesentliche Bestandteile: Sie helfen, die eigene Krankheit besser zu verstehen. Erkennen Patienten Zusammenhänge zwischen dem eigenen Verhalten und den Symptomen ihrer Krankheit, fällt es ihnen wesentlich leichter, sich adhärent zu verhalten und ihr Leben anzupassen.

Aber Stress, Lebensumstände und Herausforderungen im Alltag machen es schwer, zu jeder Zeit alle notwendigen Verhaltensweisen genau einzuhalten. Deswegen enthalten alle vorgestellten Beyond-the-Pill-Lösungen eine weitere Komponente: die menschliche Verbindung. Indem sie den Betroffenen helfen, ein Netzwerk um sich herum zu bauen, erhöhen sie die Chancen für eine positive Veränderung deutlich. Unsere Beispiele zeigen: Die Digitalisierung eröffnet neue Chancen, Patienten auch über die Medikation hinaus zu helfen.

 

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Lysander Fuchs
Lysander Fuchs

ist Redakteur bei coliquio Insights und berichtet über aktuelle Marketing-Themen und ihre Relevanz für den Gesundheitsmarkt.

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Luise Recktenwald

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