Die Mehrheit der ärztlich Tätigen in Deutschland ist inzwischen weiblich. Trotzdem orientieren sich viele Informationsangebote noch am Berufsalltag von gestern. Hausärztin Dr. Nicola Fritz beschreibt, warum das für viele Kolleginnen zum echten Fortbildungsdilemma wird.  

Die Ärzteschaft in Deutschland hat einen Kipppunkt erreicht: Im Medizinstudium sind Frauen schon seit Jahren in der Mehrheit. Nun ist auch die Mehrheit der aktiv berufstätigen Ärztinnen und Ärzte laut Bundesärztekammer weiblich. Das bedeutet im Klartext: Die aktuelle Ärzteschaft ist überwiegend weiblich und auch die zukünftige Ärzteschaft wird überwiegend weiblich sein. Genau genommen könnten wir ab sofort von Ärztinnenschaft sprechen und das generische Femininum in dieser Berufsgruppe wählen.

Doch viele Strukturen der ärztlichen Fortbildung und Informationsvermittlung orientieren sich noch an einem anderen Bild – einem männlich geprägten Arztberuf mit mehr zeitlicher Flexibilität und weniger Familienorganisation bzw. Care Anteil. Gerade im hausärztlichen Alltag zeigt sich, wie groß diese strukturelle Lücke ist und welche Chancen sich Unternehmen entgehen lassen, wenn sie sich nur auf männliche Arztkontexte fokussieren.

Präsenzteilnahme? Viel zu aufwendig  

Mehrere Tage auf einem Kongress verbringen – für viele Ärztinnen klingt das attraktiv. In der Realität ist es jedoch oft kaum umsetzbar. Die Münchner Hausärztin Dr. Nicola Fritz beschreibt den organisatorischen Aufwand sehr deutlich: „Ein Kongress bedeutet, dass ich mich mehrere Tage freimachen muss, vielleicht in eine andere Stadt fahre und auch privat vieles organisieren muss. Im Praxisalltag ist das nicht selbstverständlich.“

Besonders mit Familie wird Fortbildung schnell zur logistischen Herausforderung. Fritz berichtet offen aus ihrer eigenen Erfahrung: „In den Jahren, als mein Kind klein war, gab es kaum Kongresse für mich.“ Mehrere Tage Abwesenheit bedeuten nicht nur Reiseplanung – sondern auch Praxisorganisation, Terminverschiebungen, Vertretungsregelungen und vieles mehr. Kein Wunder, dass sie Kongresse heute so beschreibt: „Eigentlich sind Kongresse für mich mittlerweile eine Luxusvariante.“

Es sei schon zu sehen, dass Kongresse wie der DGIM immer öfter auch Betreuungsangebote vor Ort bereit stellen. Doch mit einer bloßen Aufsicht sei es nicht getan, unterstreicht Fritz. Wenn das Angebot zu dünn ist und das Kind nicht aktiv unterhalten wird, sodass es sich dort in der Zeit auch wohl fühlt, kann man sich als Mutter nicht wirklich aufs Kongressgeschehen einlassen.

Unternehmerische Pflichten on top  

Ein weiterer Unterschied zur klinischen Tätigkeit: Niedergelassene Ärztinnen sind nicht nur Medizinerinnen – sondern auch Unternehmerinnen. Neben der Patientenversorgung müssen sie sich um zahlreiche organisatorische Themen kümmern: 

  • Personalführung 
  • Löhne und Gehälter 
  • steigende Praxis- und Energiekosten 
  • Abrechnung und Praxismanagement 

Fortbildung muss deshalb häufig in enge Zeitfenster passen. Dr. Fritz beschreibt diese Realität nüchtern: „Als Selbstständige hängen Sie immer auch hinter wirtschaftlichen Themen her – da muss Fortbildung sehr effizient organisiert sein.“ 

Die übersehene Hälfte: Ärztinnen als aufstrebende Zielgruppe

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Fortbildung wird zum Kalender-Tetris

Deshalb funktionieren für viele Hausärztinnen andere Formate besser als klassische Kongresse. Dr. Fritz beschreibt, welche Angebote realistischer sind: 

  • kurze Abendtermine 
  • Wochenendformate 
  • hybride Veranstaltungen 
  • Und vor allem: alles online und on demand! 

„Fortbildung muss einen klaren Mehrwert haben – und sie muss in den Alltag passen.“ Besonders wichtig ist die zeitliche Flexibilität. „Zwei oder drei Stunden am Abend funktionieren viel besser als mehrere Tage Kongress.“ Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: der Familienalltag. Gerade Ärztinnen mit Kindern müssen Fortbildung in einen ohnehin eng getakteten Tag integrieren. „Nachmittags oder abends sind gute Zeitpunkte – aber mit kleinen Kindern beginnt der Abend eigentlich erst nach 18 Uhr.“  

CME-Sprints vieler Hausärztinnen

Ein besonders praktisches Problem betrifft die Fortbildungspflicht. Ärztinnen und Ärzte müssen innerhalb von fünf Jahren eine bestimmte Anzahl an CME-Punkten sammeln. Während fachärztlich Tätige in Kliniken viele Punkte über Kongresse erhalten, ist das für Hausärztinnen oft schwieriger. 

Dr. Fritz beschreibt ein typisches Szenario: „Viele Kolleginnen merken irgendwann gegen Ende der fünf Jahre, dass noch viele CME-Punkte fehlen.“ Dann beginnt eine intensive Suche nach kurzfristigen Fortbildungsangeboten, die im Sprint erledigt werden können – meist online. Dieses Phänomen kennt sie aus dem Kollegenkreis: „Das sehe ich bei vielen Freundinnen, die ebenfalls Hausärztinnen sind.“ 

Dr. Nicola Fritz im Live-Talk

Verschaffen Sie sich einen Original-Einblick in die ärztliche Perspektive: Dr. Nicola Fritz berichtet, welche Kanäle sie wie nutzt und warum es in Sachen Fortbildung einen großen Unterschied macht, eine Hausärztin mit Kind zu sein.

Alltagsrecherche muss zack-zack gehen  

Neben der Zeitfrage kommt ein weiterer Faktor hinzu: die enorme thematische Breite der Hausarztmedizin. Während fachärztlich Tätige häufig ein enges Spezialgebiet bearbeiten, müssen Hausärztinnen viele Themen gleichzeitig im Blick behalten. Dr. Fritz nennt ein scheinbar einfaches Beispiel aus dem Praxisalltag: Patientinnen oder Patienten fragen etwa nach Vitaminpräparaten. Doch dahinter stehen zahlreiche Fragen:  

  • evidenzbasierte Studien 
  • Dosierungen 
  • Begleiterkrankungen 
  • Kassenleistungen 
  • Wechselwirkungen 

„Selbst scheinbar einfache Fragen können im Praxisalltag plötzlich sehr komplex werden.“ Das zeigt: Hausärztinnen benötigen schnelle, gut strukturierte und leicht zugängliche Informationen. Und das ist dar nicht so leicht, in Anbetracht der enormen Menge an Informationen. Newsletter, Plattformen, Einladungen, Fachinformationen – täglich treffen neue Inhalte ein.  

Dr. Fritz beschreibt die Situation so: „Man bekommt unglaublich viele Informationen. Die Herausforderung ist, herauszufinden, was wirklich relevant ist.“ Papiergebundene Informationen haben im Alltag kaum noch Bestand: „Papier nimmt bei mir immer weiter ab. Viele Paper geben mir in gedruckter Form oft gar nicht die Tiefe, die ich online finde. Wenn ich online recherchiere, bekomme ich verschiedene Informationsquellen und kann mir daraus besser meine eigene Meinung bilden.“ 

Was das für Unternehmen heißt  

Diese Veränderungen haben eine wichtige Konsequenz: Die Zielgruppe der medizinischen Fortbildung verändert sich. Die Ärzteschaft – die Ärztinnenschaft! – wird weiblicher, digitaler, zeitlich noch eingeschränkter. 

Für Unternehmen, die jedes Jahr “wie gewohnt” ihre Marktingpläne zusammenstellen, bedeutet das ein Umdenken. Angebote müssen künftig stärker berücksichtigen: 

  • digitale Zugänglichkeit für alles 
  • kurze, praxisnahe Formate 
  • flexible und familienfreundliche Fortbildungszeiten 
  • konkrete Anwendbarkeit im Praxisalltag 
  • sich als unterstützender Partner einer Berufsgruppe mit anderen, verschärften Herausforderungen zu verstehen 

Wer medizinische Zielgruppen und damit Ärztinnen als Top-Zielgruppe Nr. 1 künftig erreichen will – ob mit Fortbildung, Information oder Innovation – muss diese Realität verstehen und in Kommunikationskonzepten verankern. 

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Kristina Lutilsky
Kristina Lutilsky
ist Redaktionsleiterin von coliquio Insights und berichtet als Senior Content & Communications Specialist über wirksames Healthcare Marketing sowie die spannendsten Trends im Gesundheitswesen.