Vom Zuweiser zum Mittherapeuten
Wer komplexe Spezialpräparate im Markt platzieren möchte, denkt meist sofort an eine spitze Zielgruppe: Fachärztinnen und Fachärzte. Doch ein genauerer Blick auf die aktuelle Versorgungsrealität in Deutschland zeigt, dass diese Strategie oft zu kurz greift. Der neue coliquio-Report „Therapie je nach Lage 2026“ deckt auf: Regionale Versorgungslücken zwingen Hausärzt:innen massiv in die fachärztliche Mitbehandlung.
Das deutsche Gesundheitssystem leidet unter einem strukturellen Ungleichgewicht. Während 84 % der befragten Fachärzt:innen im städtischen Umfeld praktizieren, sind die Hausärzt:innen mit 47 % in der Stadt und 53 % auf dem Land nahezu gleichmäßig verteilt. Diese infrastrukturelle Diskrepanz hat direkte Auswirkungen auf die Patient-Journey und damit auch auf den Erfolg von innovativen Therapien.
Laut der aktuellen coliquio-Erhebung schätzen Hausärzt:innen, dass rund 22 % ihrer Patient:innen aufgrund der regionalen Infrastruktur am Wohnort keinen optimalen Zugang zu fachärztlicher Diagnostik und Therapie erhalten. Ähnlich schätzen das auch die Fachärzt:innen so ein. Das bringt selbst die Spezialisten in ein Dilemma: Fachärzt:innen geben an, bei etwa 21 % ihrer Patient:innen aufgrund der Infrastruktur dazu gezwungen zu sein, von der medizinisch idealen Therapie abzuweichen. Bei Fachärzt:innen auf dem Land betrifft dies sogar 35 % der Patient:innen. Die häufigste Konsequenz dieser Engpässe ist ein sogenanntes „Diagnosis Delay“, also eine Verzögerung bis zur Diagnosestellung, was 46 % der befragten Ärzt:innen beobachten.
Hausärzt:innen als „Ausfallbürgen“ des Systems
Was passiert, wenn die Facharztpraxis zu weit weg ist oder die Wartezeiten zu lang sind? Die Patient:innen landen in der hausärztlichen Praxis. Die Umfragedaten zeigen eindrucksvoll, dass Hausärzt:innen längst nicht mehr nur die Rolle der klassischen Erstversorger und Zuweiser innehaben.
Beeindruckende 84 % der Hausärzt:innen übernehmen aufgrund der regionalen Versorgungslage regelmäßig Aufgaben, die üblicherweise von Fachärzt:innen durchgeführt würden. Diese Entwicklung wird auch von der fachärztlichen Seite gesehen: 90 % der befragten Fachärzt:innen bestätigen, dass Hausärzt:innen fachärztliche Aufgaben kompensieren. Besonders in den Bereichen Psychiatrie (48 %), Neurologie (24 %) sowie Kardiologie und Angiologie (21 %) hat die Versorgungslage den größten negativen Einfluss auf die Behandlung.

Hausärzt:innen fungieren heute als hoch relevante Mittherapeuten. Die übernommenen Aufgaben im Rahmen der Therapie sind anspruchsvoll:
- 51 % der Hausärzt:innen übernehmen das Monitoring von Organ-Toxizitäten unter laufender spezialisierter Therapie.
- 49 % führen therapeutisches Drug Monitoring durch, um die Wirkspiegel komplexer Medikamente zu überwachen.
- 43 % leisten Applikations-Support, wie die Durchführung von subkutanen Injektionen oder Infusionen.
- 36 % übernehmen die Regressverantwortung für teure Spezialpräparate (Wirtschaftlichkeits-Check).
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Wie stark beeinflusst die regionale Infrastruktur am Wohnort von Patient:innen die medizinische Versorgung? Und wie weichen Fachärzt:innen aufgrund von Versorgungsdefiziten von der idealen Therapie ab?
In diesem Report erfahren Sie anhand aktueller Umfragedaten, wie regionale Versorgungslücken die hausärztlichen Aufgaben erweitern und die fachärztliche Therapie verändern. Zudem werfen wir einen speziellen Blick auf die Service-Wünsche der Ärzteschaft an die Pharmaindustrie.
Weckruf für das Healthcare Marketing: Neue Zielgruppen-Strategien sind gefragt
Für Unternehmen bedeutet dieser Strukturwandel, dass eine rein fachärztliche Fokussierung bei Spezial- und Innovationstherapien wertvolles Potenzial verschenkt. Da Hausärzt:innen fachärztliche Aufgaben und Therapiesteuerungen übernehmen, müssen sie von Pharmaunternehmen als relevante Mit-Versorger adressiert werden.
Wer diese Zielgruppe als Verordner und Co-Therapeuten gewinnen will, muss passgenaue Services und Inhalte anbieten, die den hausärztlichen Alltag in strukturschwachen Gebieten erleichtern:
- Regressangst nehmen: 34 % der befragten Ärzt:innen wünschen sich von Pharmaunternehmen eine „Wirtschaftlichkeits-Garantie“, also Unterstützung bei der Dokumentation, um sich vor Regressen bei der Verordnung teurer Innovationen zu schützen. Pharmaunternehmen können hier durch Experten-Interviews oder Peer-to-Peer-Beiträge auf Plattformen wie coliquio wirtschaftliche Sicherheit vermitteln.
- Wissen praxisnah übersetzen: Komplexe Facharzt-Leitlinien müssen hausarzttauglich heruntergebrochen werden. Pharmaunternehmen können dies effektiv über Micro-Learning-Formate, Webinare und kompakte „How-to“-Guides umsetzen.
- Diagnostik digital unterstützen: Um den Diagnosis Delay zu verkürzen, können Pharmaunternehmen helfen, spezifische Krankheitsbilder früher zu erkennen. Dies gelingt beispielsweise, indem Symptomatiken durch Patientenfälle skizziert werden oder digitale Entscheidungsbäume bei der Erkennung von „Red Flags“ unterstützen.
Fazit
Der coliquio-Report zeigt ganz klar: Wer die Lebensrealität der Hausärzt:innen versteht und sie in der Breite als fähige Mittherapeuten und stellvertretende Verordner-Zielgruppe ernst nimmt, hat einen massiven Wettbewerbsvorteil. Es ist Zeit, die Omnichannel-Strategie über die Facharztgrenzen hinaus zu erweitern.
Möchten Sie tiefer in die Daten eintauchen und erfahren, wie Sie Ihre Kommunikation optimal auf die veränderten Bedürfnisse von Haus- und Fachärzt:innen abstimmen? Kontaktieren Sie unser Team für Ihre individuelle Strategie.
Bildnachweis Titelbild: KI-generiert
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