Chatbot vs. Sprechzimmer: Wem vertrauen wir bei Gesundheitsfragen?
Der Chatbot ist oft schneller als der Arzttermin – und für viele Patient:innen bereits die erste Instanz. Was passiert, wenn Patient:innen KI glauben, Ärzt:innen aber zweifeln? Zwei aktuelle Studien zeigen, wie sich medizinische Autorität verschiebt – leise, aber mit spürbaren Folgen für Vertrauen und Therapie.
Vertrauen ist das Fundament der medizinischen Versorgung. Doch genau dieses Vertrauen wird durch den zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz neu verhandelt. Zwei aktuelle Studien zeigen das Stimmungsbild: Dr. KI trifft auf Schatten-KI. Der Digital Health Report 2026 von Doctolib und die Bitkom-Studie Digital Health 2025 geben gemeinsam einen umfassenden Einblick – aus der Sicht von Patient:innen und von Ärzt:innen.
KI als neue erste Instanz
Laut dem Digital Health Report 2025 der Bitkom beginnt für einen wachsenden Teil der Bevölkerung medizinische Orientierung heute nicht mehr im Sprechzimmer. 45 % der Deutschen haben bereits KI-Chatbots für Symptome oder Gesundheitsfragen genutzt. Damit rückt KI in eine Rolle, die bislang klassischen Informationsquellen oder dem Arztgespräch vorbehalten war.
Diese Nutzung geht mit bemerkenswertem Vertrauen einher (Bitkom 2025):
- 55 % der KI-Nutzer:innen geben an, den Antworten grundsätzlich zu vertrauen
- 50 % verstehen ihre Symptome mithilfe von KI besser als durch klassische Internetsuche
- 30 % bewerten KI als ähnlich hilfreich wie eine ärztliche Zweitmeinung
KI fungiert damit nicht nur als Suchhilfe, sondern zunehmend als erklärende Instanz, die Erwartungen und Vorannahmen prägt, mit denen Patient:innen in ärztliche Gespräche gehen.

Vertrauen mit Vorbehalt
Gleichzeitig ist dieses Vertrauen nicht stabil. Viele Nutzer:innen bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Offenheit und Unsicherheit:
- 39 % der KI-Nutzer:innen sind unsicher, wie viele Gesundheitsdaten sie einer KI anvertrauen sollten
- 71 % der Bevölkerung sorgen sich um möglichen Datenmissbrauch beim KI-Einsatz im Gesundheitswesen
Besonders relevant für das Arzt-Patienten-Verhältnis ist ein weiterer Befund:
- Bereits 16 % der KI-Nutzer:innen berichten, nach einer KI-Recherche ärztliche Empfehlungen nicht oder nur eingeschränkt befolgt zu haben
Damit beeinflusst KI nicht nur das Informationsniveau, sondern auch konkrete Entscheidungen und die Therapietreue.

Ärztliche Skepsis trifft auf digitale Realität
Während Patient:innen KI zunehmend in ihre Gesundheitsentscheidungen einbeziehen, bleibt die ärztliche Perspektive deutlich zurückhaltender. Der Digital Health Report 2026 von Doctolib zeigt:
- 60 % der Ärzt:innen und MFA haben Zweifel an der Korrektheit medizinischer KI-Aussagen, etwa bei Diagnosen
- 47 % vertrauen KI nicht bei medizinischen Entscheidungen
Gleichzeitig nutzen viele Ärzt:innen KI selbst – allerdings primär zur Entlastung:
- 50 % der Ärzt:innen greifen für Recherchezwecke auf private KI-Tools zurück
- 28 % nutzen KI für Dokumentationsaufgaben
Diese sogenannte Schatten-KI verdeutlicht ein weiteres Spannungsfeld: KI wird genutzt, obwohl ihr medizinisch nicht vertraut wird. Der Bedarf an Entlastung ist größer als die Verfügbarkeit integrierter, zertifizierter Lösungen.

Wo sind Arzt und Ärztin wirlich noch zu erreichen?
Erhalten Sie in diesem Real-Talk Einblicke, die sonst nur Ihr Außendienst oder Ihre Kongressteams bekommen! Direkt, unverfälscht und ganz nah am Berufsalltag.
Schwerpunkte des 60-minütigen Live-Talks werden dabei folgende Fragestellungen sein:
- (Wie) verändern Digitalisierung und KI den beruflichen Alltag?
- Was bedeutet das für die medizinische Informationsrecherche?
- Wie müssen Fort- und Weiterbildung gestaltet sein, damit Ärztinnen und Ärzte fachlich kompetent und handlungssicher bleiben?
Am Ende gibt es natürlich Zeit für Fragen, die Sie entweder vorab oder während des Live-Talks einsenden können.
Zwei Vertrauenslogiken, ein ungelöstes Gefüge
Aus beiden Reports ergibt sich folgendes Bild:
- Patient:innen bringen KI zunehmend Vertrauen als Informationsquelle entgegen
- Ärzt:innen begegnen KI mit Skepsis als medizinischem Akteur
Damit treffen im Arzt-Patienten-Gespräch zwei unterschiedliche Vertrauenslogiken aufeinander. Patient:innen kommen mit KI-gestütztem Vorwissen in die Praxis, während Ärzt:innen dieses Wissen einordnen, relativieren oder korrigieren müssen – ohne dass KI systematisch in den Dialog eingebettet ist.
Die Folge ist kein Vertrauensverlust im klassischen Sinne, sondern eine Verschiebung von Autorität. Medizinische Expertise bleibt zentral, wird aber zunehmend ergänzt – und herausgefordert – durch digitale Vorabinterpretationen.

Akzeptanz ja – aber mit klaren Grenzen
Beide Studien zeigen dabei eine bemerkenswerte Übereinstimmung: KI wird akzeptiert, wenn sie unterstützt, nicht wenn sie ersetzt. So würden laut Doctolib-Report 72 % der Patient:innen KI-gestützte Terminassistenten nutzen, 63 % KI bei organisatorischen Fragen nutzen, aber nur 27 % bei medizinischen Fragestellungen. Auch auf ärztlicher Seite ist das Vertrauen in KI bei administrativen Aufgaben deutlich höher als bei Diagnosen oder Therapieentscheidungen.

Kurze Einordnung: Das sagen andere Reports
Die aktuellen Ergebnisse von Bitkom und Doctolib bestätigen ein Muster, das sich bereits in früheren Studien gezeigt hat: Ärzt:innen stehen KI grundsätzlich offen gegenüber, vergeben Vertrauen jedoch sehr selektiv.
Der Medscape-Report „Fluch oder Segen? So bewerten Ärzt:innen den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin“ von 2024 zeigt diese Ambivalenz deutlich. Zwar geben 70 % der befragten Ärzt:innen an, vom Einsatz von KI in der Medizin begeistert oder sehr begeistert zu sein. Gleichzeitig ziehen sie klare Grenzen dort, wo ärztliche Verantwortung beginnt:
- 60 % lehnen KI in der direkten Patientenkommunikation ab
- 58 % würden KI nicht für therapeutische Entscheidungen einsetzen
- 81 % befürchten, dass Patient:innen durch KI falsche Informationen erhalten könnten
KI wird damit als Werkzeug, nicht als Autorität akzeptiert. Dieses Bild deckt sich mit dem Trendmonitor KI im Gesundheitswesen (2024), der zeigt, dass Ärzt:innen KI vor allem zur Entlastung und Effizienzsteigerung sehen, während Haftungsfragen, fehlende Standards und unklare Verantwortlichkeiten das Vertrauen begrenzen (Trendmonitor 2024).
Vor diesem Hintergrund gewinnen die aktuellen Zahlen von Bitkom und Doctolib an Schärfe: Während Patient:innen KI zunehmend als vertrauenswürdige Informationsquelle nutzen, bleibt ärztliches Vertrauen funktional und begrenzt. Das entstehende Vertrauensgefälle ist kein Bruch, sondern die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung – nun jedoch sichtbarer, weil KI Teil der alltäglichen Gesundheitsrecherche geworden ist.
Fazit: Vertrauen bleibt menschlich – aber digital geprägt
Die neuen Daten zeigen: KI verändert das Arzt-Patienten-Gefüge nicht abrupt, sondern schrittweise. Vertrauen verlagert sich nicht von Ärzt:innen zu Maschinen, sondern wird neu verteilt – zwischen Information, Vorbereitung und Entscheidung (Übrigens: Dieser Frage werden wir auch im kommenden Facharztreport 2026 angehen – zur Warteliste geht’s hier lang).
Die zentrale Herausforderung liegt nicht in der Nutzung von KI, sondern in ihrer Einbettung in die verschiedenen Phasen und Prozesse einer Patient Journey. Solange KI außerhalb des gemeinsamen Gesprächsraums bleibt, entsteht Unsicherheit auf beiden Seiten. Vertrauen im Gesundheitswesen wird künftig nicht allein durch medizinische Expertise entschieden, sondern auch durch Transparenz, Einordnung und klare Verantwortung im Umgang mit digitalen Informationsquellen. KI ist damit weniger ein Ersatz für Vertrauen – als ein Testfall dafür, wie belastbar es ist.
Quellen
Doctolib Digital Health Report 2026: https://info.doctolib.de/digital-health-report-2026/
Bitkom Digital Health Report 2025: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Dr-KI-Chatbot-medizinischer-Ratgeber#ll_unterlagen_pk_digital_health_2025
Trendstudie „KI in der ambulanten Versorgung“ 2024, durchgeführt von Gesundheitsstadt Berlin, finanziert von Doctolib: https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/fileadmin/user_upload/aktivit%C3%A4ten/veroeffentlichungen/trendstudie_KI_10_12_24.pdf
Medscape Report „Fluch oder Segen? So bewerten Ärzte den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin“: https://deutsch.medscape.com/diashow/49005024
Medscape Report „ European Doctors and AI Report“: https://www.medscape.com/slideshow/2024-Europe-docs-and-AI-6017732
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