Realitätscheck: Klicks statt Kongresse, Websearch statt Papierstapel
Viele Unternehmen stellen sich die ärztliche Wissensaufnahme noch immer klassisch vor: Kongresse, Printmaterialien, persönliche Besuche. Doch passt dieses Bild noch zum Alltag in Klinik und Praxis? Wir haben für Sie nachgefragt: Dr. Nicola Fritz und Prof. Dr. Bernd Hohenstein machen den Realitätscheck.
Hausärztin und Facharzt berichten über ihren Informationsalltag
Der medizinische Alltag hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Studien erscheinen schneller, Leitlinien werden häufiger aktualisiert – gleichzeitig bleibt im Praxisalltag immer weniger Zeit für klassische Fortbildung. „Wir sprechen oft darüber, was Ärztinnen und Ärzte brauchen”, leiten Katharina Radunz und Kerstin Dehn von der Geschäftsleitung bei coliquio die Gesprächsrunde ein. “Aber am Ende ist es entscheidend, sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Uns interessiert sehr: Wie informieren sich Ärztinnen und Ärzte heute eigentlich im Alltag? Welche Formate helfen wirklich bei der Entscheidungsfindung?”
Für den Realitätscheck kommen zwei sehr unterschiedliche Perspektiven zusammen: Dr. Nicola Fritz arbeitet als niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin im Ärztezentrum Einsteinstraße in München und erlebt täglich die Herausforderungen der hausärztlichen Versorgung im Praxisalltag. Prof. Dr. Bernd Hohenstein ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie und am Nephrologischen Zentrum Villingen-Schwenningen tätig, das mehrere spezialisierte Versorgungszentren an 12 Standorten betreibt.
Ihre Antworten im Talk bringen deutlich unterschiedliche Bedürfnisse zu Tage. Doch darin sind sie sich einig: Die ärztliche Wissensaufnahme ist längst digital-first – nicht erst in Zukunft, sondern schon heute.
Fortbildung im Wandel: Medizin wird weiblicher
Die Versorgungswelt verändert sich – auch innerhalb der Ärzteschaft. Immer mehr Frauen entscheiden sich für ein Medizinstudium und prägen die medizinische Praxis. Damit verändern sich auch die Anforderungen an Fortbildungsformate. Prof. Dr. Bernd Hohenstein bringt es auf den Punkt: „Die Fortbildungslandschaft muss sich anpassen. In Zukunft werden in vielen Veranstaltungen überwiegend Frauen sitzen.“
Doch klassische Fortbildungsformate passen häufig noch nicht zu dieser Realität. Viele Kongresse dauern mehrere Tage und erfordern Reisen. Für Ärztinnen und Ärzte mit Praxis, Familie oder Teilzeitmodellen ist das häufig schwer zu organisieren. Dr. Nicola Fritz beschreibt diese Herausforderung aus eigener Erfahrung: „Kongresse sind häufig eine Luxusveranstaltung. Gerade im Praxisalltag steckt sehr viel Organisation dahinter.“ Vor allem mehrtägige Veranstaltungen seien im Praxisalltag schwer zu organisieren.

„Ein mehrtägiger Kongress bedeutet für mich immer einen großen organisatorischen Aufwand: Die Praxis muss organisiert werden, Termine müssen verschoben werden und auch privat muss vieles geplant werden. Deshalb sind solche Veranstaltungen für viele von uns eher eine Luxusvariante.“
Praxisrealität: Fortbildung muss in den Alltag passen
Online-Fortbildungen haben sich in den letzten Jahren stark etabliert und sind für viele eine wichtigen Wissensquelle im Alltag. Aus Sicht von Prof. Dr. Hohenstein werden sie dauerhaft eine zentrale Rolle spielen. Besonders niedergelassene Ärztinnen und Ärzte stehen unter zusätzlichem Druck. Sie sind nicht nur Mediziner, sondern auch Unternehmer. Personal, Praxisorganisation und wirtschaftliche Verantwortung stehen im Alltag oft an erster Stelle. Fortbildung wird dadurch zu einer zusätzlichen Herausforderung.
Auch CME-Punkte spielen im Fortbildungssystem eine Rolle – vor allem als formaler Nachweis. Gerade gegen Ende des fünfjährigen Zeitraums kann es für viele Hausärztinnen und Hausärzte noch einmal eng werden. Für die Entscheidung zur Teilnahme an Fortbildungen ist jedoch vor allem der Inhalt entscheidend. Das zeigen auch Umfragen immer wieder: Fortbildungsformate funktionieren auch ohne CME sehr gut, wenn der Praxisnutzen des Themas klar erkennbar ist.
Dr. Fritz, die selbst schon zahlreiche Online-Fortbildungen bei coliquio moderiert hat, berichtet: „Es gibt viele Fortbildungsformate ohne CME-Punkte, die sehr gut besucht sind – einfach weil das Thema für den Praxisalltag relevant ist. Und wenn man genügend CME-Punkte hat, ist das generell kein Faktor mehr. Man kriegt die Punkte am Ende immer irgendwie zusammen. Es geht wirklich vor allem um den Inhalt der Fortbildung.“
Prof. Dr. Hohenstein betont, dass der eigentliche Mehrwert von Fortbildung nicht im Beantworten von CME-Fragen liegt: „Klar, man kann sich Inhalte anschauen und danach die CME-Fragen für die Lernerfolgskontrolle beantworten – ich finde es aber weniger spannend, weil es weniger diskutant und weniger interaktiv ist. Und da soll es natürlich auch nicht hingehen. Das ist ja nicht Sinn und Zweck der ärztlichen Weiterbildung.“

„Online-Formate werden auf jeden Fall Bestand haben und sich weiterentwickeln. Die Technologie gibt es bereits, auch wenn es noch vergleichsweise wenige Angebote gibt. Aber diese Formate bieten große Vorteile – nicht zuletzt, weil sie flexibler sind und vielen Ärztinnen und Ärzten überhaupt erst ermöglichen, an Fortbildung teilzunehmen.“
Print nimmt ab: Wissen on demand ist alltagstauglicher
Der Praxisalltag verlangt zunehmend schnellen Zugriff auf aktuelle Informationen. Gedruckte Fachinformationen verlieren dabei an Bedeutung. Stattdessen greifen viele Ärztinnen und Ärzte direkt auf digitale Quellen zurück – von internationalen Journals bis zu medizinischen Plattformen und Datenbanken.
Dr. Nicola Fritz beobachtet diesen Trend deutlich: „Papier nimmt bei mir immer weiter ab. Viele Paper geben mir in gedruckter Form oft gar nicht die Tiefe, die ich online finde. Wenn ich online recherchiere, bekomme ich verschiedene Informationsquellen und kann mir daraus besser meine eigene Meinung bilden.“
Auch Prof. Dr. Hohenstein sieht diesen Wandel: „Ich bekomme eine gigantische Menge an Print-Informationsmaterialien. Ehrlich gesagt würde ich vieles davon gern abbestellen können, weil das am Ende auch einfach sehr viel Papiermüll ist.“
Digitale Lösungen ermöglichen es, relevante Informationen schnell zu finden und im Alltag anzuwenden. Hohenstein schätzt insbesondere gute Zusammenfassungen: „Ich fände es deutlich besser, wenn mehr Informationen digital verfügbar wären – auch mit der Möglichkeit, sich Publikationen zusammenfassen zu lassen. Wenn ich eine strukturierte Informationsaufbereitung bekomme, hat das enorme Vorteile gegenüber einer klassischen Suchmaschine. Dort bekomme ich häufig nur Schlagworte aus vielen Webseiten – und ein großer Teil davon enthält am Ende denselben Inhalt.“
Auch multimediale Wünsche äußert Hohenstein: „Es wäre hilfreich, wenn man Publikationen einfach durch eine Plattform laufen lassen könnte und sich eine digitale Audio-Zusammenfassung erstellen lässt. So könnte man Inhalte schneller aufnehmen, statt nur die Überschrift oder den Abstract zu lesen.“
Größter Mehrwert: Einblick in die Denkweise von Expertinnen und Experten
Fortbildung bedeutet nicht nur Faktenwissen. Studien und Leitlinien ließen sich jederzeit nachlesen, der eigentliche Mehrwert entstehe im Austausch mit Expertinnen und Experten. Prof. Dr. Hohenstein beschreibt diesen Unterschied sehr klar: „Die Fakten kann man nachlesen. Spannend ist zu sehen, was Expertinnen und Experten daraus machen. Wie denkt jemand über ein Thema? Welche Gedankengänge passieren, wenn Entscheidungen getroffen oder Daten interpretiert werden? Dieser Einblick in die Denkweise ist für viele der eigentliche Mehrwert.“
Digitale Ärztenetzwerke wie coliquio können genau das ermöglichen. Sie bieten genau genommen gleich mehrere Vorteile:
- schneller Zugang zu medizinischem Wissen
- Austausch mit Kolleginnen und Kollegen
- flexible Fortbildungsformate on demand
- Diskussion aktueller Studien und Leitlinien
Für viele Ärztinnen und Ärzte sind solche Plattformen daher schon heute ein zentraler Bestandteil ihrer Informationsversorgung.
Und was ist mit KI? Chancen werden gesehen, aber Kritik bleibt berechtigt
Auch künstliche Intelligenz spielt zunehmend eine Rolle bei der medizinischen Informationssuche. KI kann große Datenmengen strukturieren und Inhalte schnell zusammenfassen. Doch der Umgang damit erfordert Erfahrung. Prof. Dr. Hohenstein betont: „Es kommt sehr darauf an, wie gut die eigenen Prompts sind und auf welchen Daten ein System trainiert wurde. Wir haben beim Umgang mit dieser Technologie noch einen großen Gap. Da muss deutlich mehr Aus- und Weiterbildung passieren.“
Dr. Fritz stimmt zu: „Ich schaue immer häufiger auch in die KI. Aber die Suchmaschine steht für mich noch relativ weit oben. Wenn ich eine KI benutze, sollte sie auch Quellen angeben, damit ich mir diese noch einmal einzeln anschauen kann.” Und sie betont den den Generationenunterschied, der Einfluss auf den Umgang mit KI hat: „Wir haben Medizin noch ganz klassisch gelernt und hinterfragen Dinge vielleicht stärker, weil wir wissen, wo KI drinsteckt und wo nicht. Die Kritikfähigkeit muss einfach sehr stark geschult werden.“
Gleichzeitig verändert sich durch neue Technologien auch die Art, wie Wissen verarbeitet wird. Hohenstein zitiert eine Aussage aus dem New England Journal of Medicine: „The way we structure data is the way we think.“ Das bleibt besonders hängen: „Wenn wir die Art verändern, wie wir Daten strukturieren, verändert das auch die Art, wie wir denken.“ Deshalb bleibt kritisches Hinterfragen zentral. Digitale Tools können unterstützen – ersetzen aber nicht die medizinische Bewertung.
Die Frage „Suchmaschine oder KI?“ spaltet inzwischen auch die ärztliche Welt. Im Live Talk zeigte ein Quickpoll ein nahezu ausgeglichenes Bild. KI-Tools sind angekommen – aber sie werden differenziert bewertet. Eine aktuelle coliquio-Erhebung zur KI-Nutzung in der Medizin unter 160 Ärztinnen und Ärzten zeigt: Lediglich 55 % der Befragten fühlt sich ausreichend geschult, um KI-Ergebnisse korrekt zu interpretieren.

Jetzt die ärztliche Perspektive im Original erleben
Es lohnt sich, die ganze Aufzeichnung anzusehen, denn es werden viele Fragen beantwortet wie zum Beispiel:
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