Vor zwei Jahren habe ich mit Bart de Witte, damals noch bei IBM tätig, über die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz gesprochen – seitdem hat sich viel getan. Was kann KI inzwischen? Welche Trends zeichnen sich im Gesundheitswesen ab? Und was können wir tun, um medizinische Durchbrüche zu beschleunigen? Ein spannender Blick auf die aktuellen Chancen und Hürden der Technologie.

Wenn es um medizinischen Fortschritt geht, geht es auch um Künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme. Was kann die Technologie heute?

Schon heute kann KI Proteinstrukturen aus ihrer Aminosäuresequenz vorhersagen, Kandidat-Moleküle identifizieren oder Modifikationen vorschlagen, die die biologische Aktivität verbessern könnten. Auch Ideen für komplett neue Substanzen lassen sich so generieren, bei denen das ‚erfundene‘ Molekül über alle gewünschten Eigenschaften verfügt, die für den Erfolg nötig sind. Dies könnte die Entwicklung wirksamer neuer Medikamente deutlich beschleunigen. Es ist alles noch in einem frühen Stadium, aber in 5-10 Jahren könnten die Kosten in der Arzneimittelforschung dadurch drastisch sinken. Damit sie sinken, braucht man den freien Zugang zu Daten. Momentan ist es jedoch noch so, dass Daten im Gesundheitswesen als Wettbewerbsvorteil genutzt werden. Wir brauchen einen anderen Approach.

Wie könnte ein neuer Approach aussehen?

Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, dem Modell des Silicon Valleys hinterherzulaufen, wo Daten als Handelsware betrachtet werden. Wir haben in Europa 27 verschiedene Gesundheitsmärkte und eine hohe Zahl an mittelständischen Unternehmen. Es gibt allein hier in Deutschland 35.000 Medtech-Firmen mit jeweils rund 30 Beschäftigten. Um Innovationen voranzutreiben, müssen wir stärker zusammenarbeiten. Wenn alle KI-Programme in einem offenen Register zugänglich wären, könnten wir die Lerneffekte in einer Open Source Community teilen und schneller wirksame Therapien entwickeln.

  • Hippokrates hat die Ärzteschaft damals verpflichtet, ihr medizinisches Wissen zu teilen. Dieses Mindset brauchen wir heute, wenn es um KI-Methoden geht: Lebensrettendes Wissen muss ein Allgemeingut werden. 

    Bart de Witte Gründer Hippo AI
Bart de Witte

Über Bart de Witte

Bart de Witte beobachtet die digitale Transformation des Gesundheitsmarkts seit 20 Jahren – und treibt sie aktiv voran – als Start-up-Mentor, Dozent, Keynote Speaker und Gründer der Hippo AI Foundation. Zuvor war er Director Digital Health DACH beim Softwareunternehmen IBM.

Dafür setzt du dich auch mit der Hippo AI Foundation ein, die du gerade gegründet hast?

Genau, Hippo AI ist eine gemeinnützige Organisation. Ziel ist es, aus medizinischen Daten ein frei zugängliches KI-Modell zu entwickeln. Wir haben bereits Botschafter in 50 Ländern und möchten Awareness bei den Bürgern schaffen, dass sie durch die Spende ihrer Daten etwas zum medizinischen Fortschritt beitragen können. Ich denke, die Coronakrise hat deutlich gemacht, dass wir nicht länger Einzelkämpfer sein können. Bei unserer ersten Test-Kampagne „Victoria Zero One“ geht es um die KI-gestützte Früherkennung von Brustkrebs.

Inwiefern siehst du durch Covid-19 eine größere Dringlichkeit, Dinge gemeinsam zu entwickeln?

  • Wir hatten durch Covid-19 plötzlich alle einen gemeinsamen Feind, der keine Quartalszahlen kennt. So haben wir gelernt, schneller zusammenzuarbeiten. Wenn alle für ein gemeinsames Ziel kämpfen, brechen die Mauern ein und man sieht, wie schnell Dinge auf einmal passieren. 

    Bart de Witte Gründer Hippo AI

Ein gutes Beispiel ist das Projekt „Open Source Medical Supplies“. Am 11. März 2020, als wir die schrecklichen Bilder aus Bergamo gesehen haben, hatten Freunde von mir die Idee, mithilfe eines 3D-Druck-Verfahrens Alltagsmasken zu drucken. Sie haben eine Facebook-Gruppe gegründet, innerhalb von nur acht Wochen 78.000 Leute für das Projekt gewonnen und 80 Millionen Stück produziert – die Zusammenarbeit war komplett agil. Solche Initiativen zeigen, dass offene Innovationen und offene Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn alle ein gemeinsames Ziel haben.

Ein inspirierendes Beispiel – vielen Dank für die spannenden Einblicke, Bart, und weiterhin viel Erfolg!

coliquio Insights Academy

Open Collaboration in der Pharmaindustrie

Auch in unserer Branche hat die Krise dazu geführt, dass wir enger zusammenrücken. Nach dem Schock des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020, haben sich Vertreter zahlreicher großer Pharmaunternehmen zusammengetan, um die großen Herausforderungen im Pharma-Marketing gemeinsam anzugehen. Der daraus entstandene Think Tank stellt die Lösungsansätze jetzt in einer Kursreihe vor.

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Hinterlassen Sie einen Kommentar
E-Mail-Adressen werden nicht veröffentlicht.

Ich möchte Benachrichtigungen erhalten bei weiteren Kommentaren.

Nathalie Haidlauf
Nathalie Haidlauf
berichtet für coliquio Insights über die wichtigsten Marketing-Trends und liefert Inspirationen für die Pharmakommunikation der Zukunft.