Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie in Ihrer Familie selbst einen schwerkranken Menschen hätten, dessen Lebensqualität durch Cannabis deutlich gesteigert werden könnte?

Der Deutsche Bundestag verabschiedete Mitte Januar einstimmig ein Gesetz, das die Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke legalisiert. Seit 10. März können Ärzte nun Schwerkranken Cannabis-Produkte auf Rezept verordnen. Das Gesetz beschränkt die Möglichkeit der Verschreibung von Cannabis-Produkten nicht auf bestimmte Erkrankungen.

Bislang war die medizinische Anwendung von Cannabis nur mit einer Ausnahmeerlaubnis möglich, wobei die Kosten in den meisten Fällen von den Patienten selbst übernommen werden mussten. Das neue Gesetz sieht nun monatliche Therapie-Kosten von im Schnitt 540 Euro vor, die von der Krankenkasse übernommen werden.

Die coliquio Community diskutiert schon lange über dieses Thema. Was denken die Ärzte darüber? Hier haben wir die aussagekräftigsten Kommentare zum Thema für Sie zusammengefasst:

Bei der Entscheidung, müssen Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Dann sollten wir gemeinsam für das kleinere Übel „Legalisierung von Cannabis “ stimmen, weil die Vorteile überwiegen werden, und alle wissen, dass die einfachste Lösung – VERBOT – nicht immer die beste ist.

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Man beseitigt auf einen Schlag die Beschaffungskriminalität.
Man holt die Konsumenten aus der Anonymität.
Man hat die Konsumenten unter Kontrolle.
Wer es unbedingt braucht, bekommt es sowieso.
Was verboten ist, wird erst interessant.

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Ärzte-Umfrage auf coliquio

Wir haben Ärzte auf coliquio gefragt:  „Legalisierung von Cannabis – Finden Sie die Legalisierung sinnvoll“? (Einfachauswahl-Frage)

Die überwiegende Anzahl der Teilnehmer befürwortet eine Legalisierung durchaus.

Legalisierung ist sinnvoll
68%
Legalisierung ist nicht sinnvoll
32%

Die Diskussion Legalisierung / Nicht-Legalisierung hat wohl kaum Auswirkung auf den Konsum. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich von Patienten erfahren habe, wie leicht man in meiner Gegend an Cannabis kommt und wie verbreitet der Konsum ist. Insofern ist Konsumbegrenzung höchstwahrscheinlich kein zutreffendes Argument für die Illegalisierung.

Was für mich dezidiert für eine Legalisierung spricht, ist meine Erfahrung mit Drogenkranken: dass man bei illegaler Beschaffung von Cannabis notgedrungen mit Dealern in Kontakt kommt, die auch andere, harte Drogen verkaufen. Und man nie sicher sein kann, was in illegale Cannabisprodukte hineingemischt wird (z.B. um Abhängigkeiten von harten Drogen zu erzeugen).

Deswegen bin ich für die Trennung von Cannabisverkauf vom Verkauf von harten Drogen und der meist damit verbundenen Kriminalität. Da scheint mir die Legalisierung der einzig machbare Weg – quasi als das kleinere Übel. (Ohne deswegen die Risiken von Cannabis-Konsum zu bagatellisieren!)

Sehr interessant fand ich das Plädoyer eines Richters (!) für Suchtgiftdelikte (im Fernsehen) für die Legalisierung von Cannabis. Seiner Meinung nach würden durch die Illegalität von Cannabis unnötig und kontraproduktiv viele Menschen als Kriminelle abgestempelt.

Dass Cannabis als Medikament offenbar manchmal sehr hilfreich sein kann (z.B. Schmerztherapie bei Krebspatienten), das wäre ein eigener Thread.

Bitte das nicht als pro-Cannabis-Konsum-Stellungnahme missverstehen, sondern als Versuch einer nüchternen Risiko-Nutzen-Abwägung.

Psychologischer Psychotherapeut

Erforschung der Wirkung von Cannabis

Um weitere Erkenntnisse über die Wirkungen von Cannabis zu gewinnen, hat die Bundesregierung bei der Bundesopiumstelle eine neue Studie in Auftrag gegeben. Auf Basis dieser Studie wollen Krankenkassen entscheiden, ob die Cannabis-Therapie dauerhaft zum Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenversicherung gehört.

Ich kann den Fall eines meiner Physiotherapeuten mit behinderter, sehr stark krampfender Tochter beisteuern (mehr Details weiß ich heute nicht mehr), der (vor einigen Jahren) Cannabis im Schrank angebaut hat, weil die verordneten Medikamente für das grundsätzlich bettlägerige Kind quasi einen Zombie aus ihr gemacht haben.
Ich bin absolut für die Verwendung im medizinischen, onkologischen Bereich als Schmerztherapie. Zudem kommt man immer dran, wenn man will. Und alle Ihre Argumente pro kann ich voll bestätigen und unterstützen. Ich glaube auch, dass die Holländer mit der Legalisierung keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Wenn ich mir die Auswirkungen legalen Überkonsums von Alkohol ansehe, ist Cannabis in meinen Augen fast harmlos, friedlich.

Zahnarzt

Wir sind ein Medizinisches Versorgungszentrum mit Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen. Wir behandeln neben 250 Heroinabhängigen auch weitere 150 Patienten mit Alkoholabhängigkeit sowie Cannabiskonsum, Spielsucht und daneben alle psychiatrischen und psychischen Begleit- und Folgeerkrankungen.
Unser gesamtes Team ist strikt gegen eine Legalisierung von Cannabis, da mit der Freigabe und der „Staatlichen Aufsicht“ eine Flut von Schwarzmarktprodukten auf unsere Kinder an den Schulen zukommen wird. Wir schaffen es ja noch nicht einmal, die Handybenutzung während des Autofahrens zu kontrollieren!
Glauben Sie allen Ernstes, dass wir 2-3-Mio. Konsumenten kontrollieren könnten?
Unabhängig davon sind wir sehr wohl der Ansicht, dass in bestimmten Einzelfällen Cannabis als Therapeutikum von Nutzen sein kann. Das lässt sich mit dem Betäubungsmittel-Rezept durch Ärzte mit Suchtmedizinischer Ausbildung ohne Probleme darstellen.

Facharzt für Allgemeinmedizin

Wer produziert Cannabis für die medizinische Anwendung?

Um die Versorgung zu gewährleisten, soll ein staatlich beaufsichtigter Anbau durch eine Cannabisagentur erfolgen. Der Eigenanbau von Cannabis und seine Verwendung als Rauschgift bleiben weiterhin verboten.

Sehr stichhaltig finde ich dieses Argument: Der normale Cannabiskonsument hat keinen Grund, auf harte Drogen umzusteigen; der Mythos des Cannabis als Einstiegsdroge kommt allein durch die Illegalisierung. Und gemessen daran, wie viele Menschen sich an Alkohol blöd saufen, glaube ich nicht, dass Cannabis da herankommt.

Facharzt für Innere Medizin

Polizeilich erfasste Fälle der illegalen Cannabis-Einfuhr
Cannabis Einfuhr Grafik

Cannabis als Medikament hat nichts mit Cannabis zum Rauchen zu tun. Hier denke ich, muss eine klare Trennung vorgenommen werden. Wo Cannabis das Leben von kranken Menschen – aber nicht von Drogenabhängigen – erträglicher machen kann, muss jedem Arzt die Therapiefreiheit gegeben sein, dies zu verordnen, und zwar als Medikament mit eindeutiger Wirkstoffmenge, ggf. Betäubungsmittel-Rezept.

Drogenabhängigkeit darf hiermit aber nicht Vorschub geleistet werden. Auch kann ich nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen kann, Rauchen auf Rezept zu ermöglichen. Rauchen ist auch eine Suchterkrankung und es ist die Pflicht des Staates, durch Suchtprävention alle Bürger zu schützen. Für Abhängige von harten Drogen gibt es das Methadonprogramm; diesen Menschen könnte auch mit Cannabis nicht wirklich geholfen werden, es wäre nur ein zusätzlicher Kick und könnte nicht zur Suchtbekämpfung beitragen.

Letztendlich muss man sich doch die Frage stellen, ob es wirklich Sinn macht, ein Suchtmittel gegen ein anders zu tauschen. Das gilt meines Erachtens auch für die legalen Drogen wie Alkohol, Nikotin oder Zucker. Insofern ist die ganze Drogenpolitik – wie das meiste aus der Abteilung Politik – doch absolut stümperhaft.

Zahnarzt

Sichergestellte Cannabispflanzen in Deutschland
Cannabis Pflanzen Grafik

Tatsächlich ist es unbedingt nötig, Cannabis als Droge von Cannabis als Medikament zu trennen. Das eine sollte aufgrund politischer, das andere aufgrund medizinischer Gründe entschieden werden.

Tatsächlich käme es bei einer Legalisierung als Genussmittel sehr darauf an, welche regulatorischen Maßnahmen man ergreift. Der Verkauf hochprozentigen Alkohols und der Verkauf von Tabak an Minderjährige sind ja auch reguliert, das könnte man sich für alle drei Drogen auch noch deutlich lockerer oder deutlich strenger vorstellen. Auch im Zusammenspiel von THC und Straßenverkehr könnte man regulatorisch und durch Aufklärung eingreifen. …

Wenn es gelänge, dass Menschen, die sich in Selbstmedikation beruhigen und abschalten wollen, von der harten Droge Alkohol weg und zur ungleich weicheren Droge THC hinbewegen, dann wäre viel gewonnen. Wenn sie nachher kiffen und saufen, wäre nichts gewonnen. …

Beim Cannabis ließe sich durch Legalisierung viel gewinnen, aber eine kaum regulierte Freigabe würde die Zahl der Konsumenten bestimmt noch weiter ansteigen lassen. Welche Effekte stark und welche schwach wären, hinge von der Ausgestaltung ab und ist letztlich nicht vorhersagbar.

Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen

Die Diskussionen auf coliquio zeigen, die Legalisierung von Cannabis ist ein heiß diskutiertes Thema. Welche Auswirkungen die Legalisierung als medizinisches Medikament haben wird, wird sich zeigen.

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Jutta de Monte
Jutta de Monte
ist Redakteurin bei coliquio Insights und berichtet über aktuelle Arztdiskussionen auf coliquio.