In einem aktuellen Beitrag im British Medical Journal beschreibt der ehemalige Hausarzt Mark Davies fünf Lektionen aus seinem Arbeitsleben.

Er stellte fest, dass der Praxisalltag anders aussieht, als es im Medizinstudium gelernt wird. Eine ausführliche Diagnostik und Anamnese ist in einer 10-minütigen Konsultation oft nicht möglich. Dann muss der behandelnde Arzt auf Wissen und Erfahrungswerte zurückgreifen: Was ist am wahrscheinlichsten?

Besonders zum Umgang mit unlösbaren Krankheitsbildern und zur Kommunikation mit schwierigen Patienten hätte Mark Davies in der Ausbildung gerne mehr erfahren.

 

Wir haben Ärzte aus der coliquio-Community gefragt, welche Erfahrungen sie im Laufe ihrer Berufstätigkeit gemacht haben und was sie gerne schon früher gewusst hätten:

Ärzte-Umfrage auf coliquio

Wir haben Ärzte auf coliquio gefragt: „Fühlten Sie sich gut auf den Berufsalltag vorbereitet?“
(Einfachauswahl-Frage)

Nein
61%
Ja
39%

Learning by doing: Die Erfahrung kommt erst mit der Praxis

Die Ärzte stellen fest, dass das Studium notwendiges medizinisches Grundlagenwissen vermittelt, sich aber oft nur auf die Theorie beschränkt. Viele Situationen in der Praxis erfordern Erfahrung, die man sich erst über Jahre aneignen kann und nicht immer verläuft alles nach Lehrbuch. Wichtig ist hierbei die Unterstützung durch kompetente Ausbilder und erfahrene Kollegen. Sie können wertvolles Erfahrungswissen, nützliche Informationen und wertvolle Hinweise liefern und die jungen Kollegen in der Praxis an neue Themen heranführen. Die jüngeren Kollegen finden dann einen schnelleren und leichteren Zugang zum Praxisalltag.

  • „Die Erfahrung – ein Konglomerat aus ständiger Fortbildung und Fälle, Fälle und nochmals Fälle – kommt erst mit den Jahren.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • „Etwas offen zu lassen, abzuwarten, erst einmal den gefahrvollen Verlauf auszuschließen oder bei speziellen Fällen einfach nichts mehr tun, das bringen erst die Jahre.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • „Medizinisches Wissen ist erstmal kritisch zu betrachten – letztlich ist es fast ausschließlich Wahrscheinlichkeitsrechnung, die unser Handeln bestimmt.“ (Facharzt für Arbeitsmedizin)
  • Der freundschaftliche Kontakt mit erfahrenen, meist älteren Kollegen und Spezialisten, Spitalärzten, sogar mit Behörden ist mehr wert, als alle Guidelines und Patientenpfade zusammen!

    Facharzt für Allergologie

Was im Studium nicht vermittelt wird

Der ärztliche Praxisalltag erfordert weit mehr als nur medizinisches Wissen. Auch wirtschaftliche, rechtliche und psychologische Kompetenzen sind gefragt. Doch nicht alle benötigten Kenntnisse werden im Studium vermittelt:

Soziale Kompetenz – Patientenbeziehung und Menschenführung

  • „Vor allem ist es das Gespräch mit dem Patienten, was man nicht in den Universitäten oder in der Klinik lernt.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • „Patienten können sein wie Ertrinkende, das war mir damals noch nicht klar. Zuerst kommt der Selbstschutz, dann erst die Hilfe für andere.“ (Facharzt für Augenheilkunde)
  • „Medizin ist immer auch Beziehungsarbeit. Das lernt man kaum auf der Uni.“ (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)
  • „Es ist notwendig, für sich selbst eine klare Haltung zu erarbeiten zu den Themen Tod und chronische nicht heilbare Leiden.“ (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)
  • „Ein absoluter Mangelfaktor, den man im Studium gewiss nicht beigebracht bekommt, ist Menschenführung.“ (Zahnarzt)

Organisatorische, wirtschaftliche und rechtliche Kompetenzen

  • „Wie komme ich an Informationen, wenn der Patient nichts sagt oder sagen kann? Wie bewege ich mich auf rechtlich sicherem Boden bei der Einholung von Informationen und bei der Herausgabe von Informationen?“ (Facharzt für Neurologie)
  • „Wie manage ich einen Patienten auf einer Station, in einer Praxis, wie funktioniert Gesundheit im ökonomischen Bereich?“ (Facharzt für Neurologie)
  • „Was mir aber noch mehr gefehlt hat, ist eine Einführung in die Kommunikation mit Patienten und eine wirtschaftliche Ausbildung vor Ordinationseröffnung!“ (Facharzt für Innere Medizin)
  • „Was meiner Meinung nach völlig vernachlässigt wird: Beispiele zu den Kosten verschiedener Diagnostik-Methoden: CT, MRT, Rö, diff-Blutbild, verschiedene spezielle Laborwerte. Wie schaffe ich es, wichtige Informationen zu bekommen, ohne mich finanziell zu ruinieren?“ (Facharzt für Neurologie)
  • „Wie organisiere ich die Diagnostik – vor allem die Reihenfolge – damit es Sinn macht!“ (Facharzt für Neurologie)
  • „Wie dokumentiere ich einen Befund zeitsparend, aber aussagekräftig?“ (Facharzt für Neurologie)
  • „Auch über die Kompetenzen von Kassenärztlicher Vereinigung und berufsständischen Zwangsvereinigungen hätte ich gern mehr gewusst.“ (Facharzt für Innere Medizin)
  • Studien sind beachtenswert aber nicht immer die letzte Wahrheit. Im Arbeitsalltag ist kritische Betrachtung notwendig.“ (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)
  • „Es besteht ein Unterschied zwischen Komplikationen und Behandlungsfehlern. Auch letztere gehören dazu – ebenso der Umgang mit beiden und mit Schuldgefühlen.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)

Konflikte zwischen Vorgaben des Kollektivs und Patientenwohl

Der Arzt handelt einerseits zum Wohle des Patienten, ist andererseits aber an Restriktionen durch die Krankenkassen gebunden. Die Fragen nach der für den Patienten besten Behandlung und den geringsten Kosten für die Krankenkasse stehen nicht immer im Einklang miteinander. Bei Kostenüberschreitung droht Regress.

  • „Die Kostenträger und die Politik befassen sich naturgemäß ausschließlich mit dem Kollektiv – der behandelnde Arzt jedoch mit Individuen und Menschen: das führt zu Konflikten. Für Kostenträger ist der Kranke ein lästiger Beitragszahler, der kostet.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • „Wer als Niedergelassener seine Patienten nicht nur ‚ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich’ sondern gut behandeln will, kommt unweigerlich in die Regressmühle, von der ca. 30 % aller Niedergelassenen betroffen sind. Das kostet Zeit und vor allem Nerven.“ (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)
  • „Was ich nach 25 Jahren Niederlassung anders hätte machen können? Meine Kassenzulassung schon viel früher zurückgeben und damit schon viel früher vom Leistungserbringer zum Arzt re-mutieren.“ (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)
  • „Durch falsche Gesprächsführung, unzureichendes Zuhören, falsche Kommunikationsebene habe ich in meinen knapp 20 Jahren Niederlassung sicherlich viele Patienten an andere Kollegen verloren. Ein volles Wartezimmer ist aber kein Qualitätskriterium für eine gute medizinische Praxis. Ich schraube nach wie vor an meinem Gesprächsstil, tausche mich mit Kollegen aus, habe aber das Gelbe vom Ei noch nicht erreicht.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • Freundschaftlich kooperativen Kontakt und Austausch mit Kollegen pflegen, gemeinsam sind wir stärker. Das scheint etwas zu sein, was viele von uns nicht so recht gelernt haben. Da herrscht eine Menge Angst vor Nachteilen und Verlusten, scheint mir.

    Facharzt für Arbeitsmedizin

Trotz allem Erfüllung in der Berufswahl

Auch wenn Ärzte im Praxisalltag mit vielen Themen konfrontiert sind, die nicht im Studium behandelt wurden, so sind doch viele Ärzte mit Ihrer Berufswahl sehr zufrieden. Der Beruf macht ihnen oftmals so viel Spaß, dass sie sogar noch weit über das Rentenalter hinaus aktiv im Berufsleben bleiben möchten.

  • „Ich begann meine Karriere als Landarzt vor acht Jahren und bereitete mich 26 Jahre auf die Niederlassung in diversen Kliniken im In- und Ausland vor. Mich ärgert nichts! Und sogar das Wundern wird seltener.“ (Facharzt für Allgemeinmedizin)
  • „Mein Beruf hat mich nie enttäuscht, weder im KH (Assistentin, dann Oberärztin) noch in der Praxis. Den Verdienst habe ich als angemessen angesehen. Auch der gewählte Facharzt war richtig. Würde es immer wieder so machen.“ (Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe)
  • „Trotz Nacht- und Wochenenddienst hätte ich meine Berufswahl nicht geändert.“
  • „Irgendwie war ich auch stolz darauf so ganz allein zeitweise für eine Abteilung verantwortlich zu sein, mit allen möglichen Problemen und Komplikationen. Dann als Chefin der Praxis. Das war spannend und schön. Auch die Kollegialität. Es war das, was ich wollte.“ (Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe)
  • „Mir hat mein Beruf trotz aller politischer Anfeindungen so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt, gut 4 Monate nach der Berentung allen Ernstes darüber nachdenke, ernsthaft wieder zweieinhalb Tage zu arbeiten.“ (Zahnarzt)
  • „Ich versuche gerade, über meinen 65. Geburtstag hinaus zu arbeiten. Mein Beruf macht mir nach wie vor Freude, und wenn ich gesund bleibe, würde ich gern noch ein paar Jahre anhängen.“ (Facharzt für Innere Medizin)

 

Die Diskussionen in der coliquio-Community zeigen, dass selbst erfahrene Ärzte in schwierigen Situationen gerne den Rat von Kollegen annehmen. Dies erleichtert die Entscheidung über das weitere Vorgehen und alle Beteiligten – Ärzte wie Patienten – profitieren davon.

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Jutta de Monte
Jutta de Monte

ist Redakteurin bei coliquio Insights und berichtet über aktuelle Arztdiskussionen auf coliquio.

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Luise Recktenwald

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