Überfüllte Wartezimmer, monatelanges Warten auf den Facharzttermin – diese Symptome des zunehmenden Ärztemangels kennen Sie sicherlich auch. Was bedeutet das für das Wohl des Patienten? Kann ein Arzt, der wöchentlich 100 bis 200 Patienten sieht, sich auf jede einzelne Krankheitsgeschichte einlassen? Wir haben 5.482 Mediziner befragt, wie sie den Zeitdruck wahrnehmen und inwiefern dieser die Behandlungsqualität beeinflusst. Unsere Befragung liefert aktuelle Zahlen zum bekannten Phänomen.

Zeitdruck betrifft alle Fachbereiche

Zuerst wollten wir von den Ärzten wissen: „Wie empfinden Sie den Zeitdruck in Ihrem Arbeitsalltag?“ Die Antwort ist mehr als deutlich: Von den 5.482 befragten Medizinern empfinden 70 % den Zeitdruck im Arbeitsalltag als hoch oder sehr hoch – Allgemeinmediziner genauso wie Gynäkologen, Internisten, Zahnmediziner, Orthopäden oder Unfallchirurgen. Ein knappes Drittel der Befragten gibt sogar an, der Zeitdruck sei sehr hoch.

Die Behandlungsqualität leidet

Es überrascht nicht, dass sich der Zeitdruck auf die tägliche Arbeit auswirkt. 96 % der Mediziner beobachten, dass der Zeitdruck die Behandlungsqualität beeinflusst. Ein Viertel der Befragten sagt, das sei häufig oder sehr häufig der Fall. 48 % nehmen diesen Einfluss gelegentlich wahr – und nur 4 % sagen, der Zeitdruck habe nie Auswirkungen auf die Behandlungsqualität. Die Ärzte sind sich offenkundig bewusst darüber, dass sie die optimale Behandlung aus Zeitmangel nicht leisten können.

Patientengespräche sind eng getaktet

Wie sieht es im Terminkalender der Ärzte aus? Unsere Frage „Wie viele Patienten behandeln sie am Tag im Durchschnitt?“ ergab einen Mittelwert von 33 Patienten. Das heißt der Arzt muss in jedem einzelnen der 33 Gespräche abwägen: Habe ich jetzt alle nötigen Informationen, um eine Therapieentscheidung zu treffen? Steht er unter Zeitdruck, ist er geneigt, Patientengespräche abzukürzen.

Laut einer vielzitierten Studie unterbricht der Arzt den Patienten nach rund 18 Sekunden. Ob das die Behandlungsqualität mindert, wird immer wieder diskutiert. Fakt ist jedoch, dass das Gespräch insgesamt von kurzer Dauer ist.  Laut einer Metaanalyse verschiedener Langzeitstudien dauert ein Patientengespräch in Deutschland rund 7 Minuten – damit schneiden wir im internationalen Vergleich schlecht ab. Unsere Umfrage unter 5.482 Ärzten ermittelte einen besseren Wert: Wir haben gefragt, wie lange bei den Befragten ein durchschnittliches Patientengespräch dauert. Wenn die Mediziner mit ihrer Schätzung richtig liegen, nehmen sie sich ca. 15 Minuten Zeit für ein Gespräch.

Legt man eine Gesprächszeit von 15 Minuten zugrunde, kommt der Arzt damit schon auf über acht Stunden Arbeitszeit pro Tag – Praxismanagement, Dokumentation, fachliche Weiterbildung usw. nicht mitgerechnet.

Kaum Zeit, um auf dem Laufenden zu bleiben

Die Zahlen machen klar: Im Arztalltag bleibt kaum Luft, um sich fachlich zu informieren. Das Wissen, das für die Ausübung des Berufs notwendig ist, wird frühmorgens vor der Arbeit oder nach Feierabend nachgeschlagen – das spiegelt sich auch in den Nutzerzahlen der Ärzte-Community. In der aktuellen Umfrage haben wir die Ärzte gefragt: „Medizinisches Wissen verdoppelt sich alle 3 Jahre. Wie groß empfinden Sie die Herausforderung, auf dem Laufenden zu bleiben?“ 26 % betrachten dies als große – weitere 37 % als eher große Herausforderung. Der hohe Informationsbedarf der Ärzte ist also noch lange nicht gedeckt.

Zeitmangel, Qualitätsmangel, Informationsmangel

Die Zahlen sind eindeutig: der Zeitdruck im Arbeitsalltag der Mediziner ist zu hoch, um eine optimale Behandlungsqualität zu erzielen. Angesichts eines eng getakteten Terminplans fällt es den Medizinern schwer, ihre eigenen Ansprüche an die Behandlungsqualität zu erfüllen.

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Im vollgepackten Arbeitstag des Arztes bleibt kaum Zeit, um sich über neue Therapiemöglichkeiten zu informieren. Zwei Drittel der Ärzte empfinden es als Herausforderung, fachlich auf dem Laufenden zu bleiben. Dieses Ergebnis bedeutet zwar nicht, dass die Mediziner in puncto Fachwissen tatsächlich hinterherhinken, aber es zeigt ein Risiko auf. Wenn Ärzte aus Zeitmangel nicht auf dem neusten Stand sind, leidet langfristig die Behandlungsqualität darunter. Und angesichts eines zunehmend angespannten Gesundheitssystems wird sich der Zeitdruck noch verschärfen.

Die Herausforderung für Pharma

Wie sind Ärzte in Zukunft erreichbar?

coliquio Hotseat

Für Pharmaunternehmen wird es immer schwieriger, Ärzte mit ihren Produktbotschaften zu erreichen. Wir haben unsere Kollegen aus dem coliquio Content Team befragt, was die wichtigsten Hebel der digitalen Arzt-Kommunikation sind. Hören Sie sich die konkreten Tipps im Podcastformat an.

Nathalie Haidlauf
Nathalie Haidlauf
berichtet für coliquio Insights über die wichtigsten Marketing-Trends und liefert Inspirationen für die Pharmakommunikation der Zukunft.

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