Mangelnde Adhärenz bei chronischen Krankheiten ist eine der größten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme der Industrienationen. Von allen ausgestellten Rezepten werden nur 50-70 Prozent in einer Apotheke abgegeben. Nur noch 25-30 Prozent der Patienten nehmen diese Medikamente korrekt ein und gerade einmal 15-20 Prozent gehen zu einem Arzt, um sich das Folge-Rezept zu holen. Die Folge sind abgebrochene Therapien und Mehraufwand in Form von Notfallmaßnahmen und Krankenhausaufenthalten.

Adhärenz

Pharmaunternehmen gehen Einnahmen verloren, die sie bei einer korrekten Fortführung der Therapie verdienen würden. Teure Krankenhausaufenthalte und Notfallmaßnahmen belasten das Gesundheitswesen und führen es an den Rand seiner Kapazität. Und Patienten bezahlen mangelnde Adhärenz mit ihrer Gesundheit oder im schlimmsten Fall mit ihrem Leben.
Es ist also kein Wunder, dass Gesundheitssysteme Interesse daran haben, Maßnahmen zu fördern, die die Adhärenz steigern. Erfolgreich durchgeführte Therapien haben das Potential, die Kosten des Gesundheitswesens zu senken und gleichzeitig neue Einnahmequellen für Pharmaunternehmen zu schaffen. Verschiedene Studien haben das zum Beispiel für Schizophrenie (Gilmer, Dolder, Lacro, et al., 2004) und Type 2 Diabetes (Balkrishnan et al., 2003) gezeigt.

3 Gründe, weshalb der Patient Ihr Medikament nicht nimmt

Die Gründe für eine mangelnde Adhärenz sind vielschichtig. Zu den wichtigsten gehören (aus Martin et al., 2005):

  • Unzureichende Information
  • Fehlende Motivation
  • Mangelhafte Kommunikation

1. Patienten sind unzureichend informiert

über die Art und Wirkungsweise des Medikaments und die Krankheit an sich. Es fehlt das Verständnis dafür, dass Medikamente nicht abgesetzt werden dürfen, sobald die Symptome verschwinden. Im Patientengespräch wird statistisch gesehen nicht einmal 99 Sekunden lang über das Präparat gesprochen, nur 5,5 Sekunden davon über Adhärenz.

Patientengespräch

2. Patienten sind nicht motiviert

(oder einfach vergesslich): Medikamente verhindern unter Umständen zwar einen Ausbruch der chronischen Krankheit, womöglich fühlt sich der Patient bei Absetzen der Medikamente aber zuerst besser, da lästige Nebenwirkungen wegfallen. Der Patient setzt also eine kurzfristig höhere Lebensqualität über sein langfristiges Wohlergehen. Die psychologischen Gründe und mögliche Lösungsansätze erklärt der führende Behavioral Economist Dan Arialy in diesem Video „Doing the right things for the wrong reasons“

3. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patienten ist nicht ausreichend

Das Vertrauen des Patienten in den Arzt ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie. Patienten, die das Gefühl haben, vom Arzt als individuellen Menschen wahrgenommen zu werden, verhalten sich adhärenter. Es lohnt sich also, wenn Ärzte ihre Patienten ermutigen, aktiv an ihrer Gesundheit mitzuwirken.

Was können Pharmaunternehmen tun?

In Zeiten der digitalen Transformation und mithilfe der heutigen technischen Möglichkeiten sind Pharmaunternehmen bestens ausgestattet, diesen Herausforderungen zu begegnen:

1. Umfassende Adhärenz-Strategien entwickeln

Indem Pharmaunternehmen umfassende Adhärenz-Strategien entwickeln und bereitstellen, werden sie von reinen Arzneimittelherstellern zu Health Service Providern. Dadurch kann eine Win-Win-Situation geschaffen werden, die in besseren Ergebnissen für Patienten, das Gesundheitswesen und nicht zuletzt die Pharmaunternehmen besteht. Einnahmen werden neben dem Vertrieb von Präparaten zusätzlich durch „Service am Patienten“ generiert. Wichtig ist dabei auch die aktive Einbeziehung von Patienten in die Festlegung individueller Therapieziele sowie die Aspekte der Usability und User Experience. Nur wenn Patienten einen Mehrwert erkennen und die App einfach verständlich zu bedienen ist, können Gesundheits-Apps von Nutzen sein.

2. Neue Möglichkeiten des Patienten- und Adhärenz-Managements nutzen

Mit Smartphones und Wearable Devices tragen bereits heute viele Patienten wichtige Tools für eine erfolgreiche Therapie bei sich. Apps können den Patienten daran erinnern, Medikamente einzunehmen. Wohlbefinden und andere Parameter können dokumentiert werden. Zudem kann der Patient sich bei Bedarf über mögliche Nebenwirkungen informieren und Praxistipps erhalten. Auch aktuelle Studien belegen, dass die Verwendung von Apps – auch im Gesundheitsbereich – immer interessanter wird und Patienten neuen Therapieformaten offen gegenüberstehen. Pharmaunternehmen sollten diese Neugier nutzen, denn die Verbindung von Medikamenten mit Apps kann Therapien an die Bedürfnisse des Patienten individuell anpassen. Gamifikation und ‚Anreizsysteme‘ bei Therapietreue (vgl Dan Arialy, „Doing the right thing for the wrong reasons“) können über Apps gesteuert werden und sollen die Adhärenz erhöhen.

So ist bereits die erste verschreibungspflichtige App verfügbar: Blue Star berät Patienten mit Typ 2 Diabetes mithilfe von Blutzucker-Werten und Therapieinformationen zu einem gelungenen Leben trotz Diabetes. Alternativ zu Apps bieten sich beispielsweise Websites an, auf die nur mit ärztlicher Genehmigung zugegriffen werden kann.

Zukünftig könnten Pharmaunternehmen bereits während ihrer klinischen Studien Erkenntnisse zu gesteigerter Therapietreue sammeln. Pharmaunternehmen sind so in der Lage, innerhalb kürzester Zeit umfangreiche Erkenntnisse über Adhärenz zu gewinnen. Sie könnten dann Service, Wearable und Präparat als Paket anbieten. Gerade bei chronischen Krankheiten, bei denen der Therapieerfolg maßgeblich vom Mitwirken des Patienten abhängt, versprechen solche ‚Around-the-Pill‘-Ansätze Erfolg. Beispielsweise hat Biogen letztes Jahr Fitbits in einer Studie zu Multiplen Sklerose erstmalig eingesetzt. Für die Therapie dieser Krankheit können Daten zu Bewegungsgeschwindigkeit und Schlafrythmus hilfreich sein. Mithilfe dieser Wearables konnten mehr Informationen gesammelt werden, als mit früheren Methoden.

3. „Medizin als Service“ nicht nur als Marketing-Instrument sehen

Obwohl die Pharmaindustrie längst erkannt hat, dass eine ‚Pille‘ allein nicht mehr ausreicht um in Zukunft erfolgreich zu bleiben, erschöpft sich „Beyond the Pill“ bisher meist in einzelnen, vom eigentlichen Geschäftsmodell unabhängigen Marketing-Maßnahmen. Dabei könnte „Beyond the Pill“ viel mehr sein als ein paar Broschüren, Informations-Websites oder eine neue App: nämlich ein Ansatz für die Weiterentwicklung der Pharmaindustrie, um den Herausforderungen der heutigen Zeit gerecht zu werden.

Medizin als Service ebnet den Weg für ungeahnte Innovation

Die größte Chance für einen Health Service Provider liegt nicht in einigen technischen Neuerungen, sondern im inhärenten Paradigmenwechsel: Der Fokus wechselt vom Produkt zum Patienten. Diese Veränderung in der Art und Weise, wie der Health Service Provider denkt und Entscheidungen trifft, eröffnet Möglichkeiten für bis jetzt noch nicht vorstellbare Innovation.

  • „Menschen wollen keinen Bohrer kaufen. Menschen wollen ein Loch in der Wand. Innovation ist nicht die Lösung für ein Problem, sondern sie liegt darin, das Bedürfnis des Kunden zu verstehen und zu erfüllen“

    Martin Pattera coliquio Summit 2015

Ein Health Service Provider wird durch seine konsequente Ausrichtung auf den Patienten neue Wege und Businessmodelle entwickeln, um das Bedürfnis des Patienten zu stillen – frei nach dem Motto:

Patienten wollen keine Pille, sie wollen Gesundheit.

Was glauben Sie, wie kann die Transformation hin zum Health Service Provider gelingen?

Nutzen Sie die Gelegenheit, Ihre Fragen und Ideen am 21. Juni auf dem 4. coliquio Summit in Berlin mit zahlreichen Experten und Entscheidern der Pharmaindustrie zu diskutieren!

Amira Sabeur
Amira Sabeur
ist Redakteurin bei coliquio Insights und berichtet über aktuelle Marketing-Themen und ihre Relevanz für den Gesundheitsmarkt.

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Luise Recktenwald

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