Interdisziplinäre Falldiskussion mit 505 Lesern, 12 Teilnehmern, 23 Kommentaren

Beitrag des fragestellenden Arztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie:

„55-jähriger Patient mit operativ versorgtem Glioblastom IV, bekanntermassen mittlere Überlebenszeitserwartung ca. 11 Monate. Postoperativ Radiatio, jetzt seit mehreren Wochen Chemotherapie mit Temozolomid. In der Anamnese bereits zwei mittelgradige depressive Episoden, jeweils andernorts behandelt, ohne antidepressive Medikation auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten. Unter der Chemotherapie erhebliche NW, besonders körperliche Mattigkeit und Rückenschmerzen. Rapide Stimmungsverschlechterung, Antriebsschwäche, Hoffnungslosigkeit, gelegentliche Gedanken daran, es sei vielleicht besser, bald zu sterben. Patient ist bei mir in psychoonkologischer Betreuung und wir sind in gutem Kontakt. Ich möchte weniger die Frage beleuchten, inwieweit es sich hier um Demoralisierung bei infauster Prognose und/oder eine Depression handelt (wird in der Literatur kontrovers diskutiert) als Erfahrungen einholen, ob KollegInnen unter diesen Bedingungen schon einmal als ultima ratio SSRI eingesetzt, Wechselwirkungen oder sonstige Effekte beobachtet haben. Grund meiner Anfrage: ein Sohn des Patienten ist als Soldat in Afghanistan eingesetzt und darf erst in vier Monaten zurückkehren, eine Tochter heiratet in vier Wochen und der Patient möchte beide Ereignisse in besserer psychischer Verfassung als seiner derzeitigen erleben.“

 

„Ja, ich habe einen ähnlichen Fall. Nach Rücksprache mit dem behandelndem neurologischen Uniklinikum habe ich eine Therapie mit Citalopram begonnen.
Bei der darauffolgenden Visite wurde von den Kollegen auf Venlafaxin umgestellt. Beides wurde gut vertragen. Die Patientin erhält ein atypisches Temolozomidschema.“

Allgemeinmediziner

„Neueste wissenschaftliche Untersuchungen über SSRI und Hirntumoren weisen auf einen spezifischen Effekt der SSRIs auf die Überlebenszeit von Pat. mit Hirntumoren hin. Somit kann man die Anwendung dieser zur Behandlung der sogn. tumorassozierten Erkrankung un der reaktiven Depressionen nur ermutigen, natürlich unter Beachtung einer nebenwirkungsgesteuerten Behandlung.“

Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

„Liebe Kollegin, angesichts der Prognose der Erkrankung und der Toxizität der Chemotherapie würde ich an Ihrer Stelle nicht zögern, einen gut verträglichen SSRI, zum Beispiel auch Cipralex, einzusetzen. Erlaubt ist in diesem Falle alles, was hilft, das Leben des Patienten zu erleichtern. Es finden sich in der wissenschaftlichen Literatur- und Studiendatenbank (PUBMED und auff Springer Science) keinerlei Kontraindikation für die Anwendung von SSRI bei Glioblastoma multiforme.
Ach ja und noch etwas: der Sohn sollte mit einem ärztlichen Gutachten der Neurochirurgen und einer Stellungnahme von Ihnen um seine frühere Rückversetzung in die Heimat nachsuchen.“

Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

„Habe selbst keine Erfahrung damit aber von der Theorie her könnte das Johanneskraut (Hypericin) auch eine Option sein.“

Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie

„Ich würde kein Johanniskraut geben. Bei effektiver antidepressiver Dosis ist die Rate von UAW mindesten genauso hoch wie bei Trizyklika.“

Anästhesiologe

„Leider musste ich gerade bei Johanniskraut öfter feststellen, dass sich die Patienten damit sehr schlapp fühlten. Das kann dieser Betroffene m. E. jetzt am allerwenigsten gebrauchen.“

Allgemeinmediziner

„Ich habe an der Auswertung einer Studie über Temozolomid mitgearbeitet. Mehrere Patienten hatten SSRI bekommen. In keinem Fall wurde ein Verdacht auf Wechselwirkungen berichtet. Ich würde nicht zögern, Ihrem Patienten diese Möglichkeit anzubieten.“

Allgemeinmediziner

„Johanniskraut würde ich keinesfalls geben, die WW darunter sind erheblich, dafür ist das Risiko gegenüber den SSRI zu hoch. Cipralex gibt es auch als Tropfen, falls das Schlucken Probleme machen sollte.“

Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie

„Habe selbst einen Patienten mit ähnlichen Tu-Daten wg. Psychischer Symptomatik behandelt u. wg. derselben Frage eine Recherche durch die Apotheke der LMU Kliniken durchführen lassen – keine Bedenken bei den „sauberen“ Psychopharmaka, d.h. denen, die klare Rezeptorprofile haben. Ambulant sind also Niedrigpotenten NL, Tri-, Tetrazyclische AD, zu vermeiden. Ggf. ist Blutspiegelbestimmung empfehlenswert.“

Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie

„Mit der Bundeswehr: das sollte auf jeden Fall versucht werden, da immer eine Ersatzmöglichkeit vorgehalten wird. Zumindest kurze Retourflüge aus dem Einsatzgebiet sind möglich, auch bei Sondereinsätzen gibt es Regelungen.“

Arzt Öffentliches Gesundheitswesen

„Lieber Herr Kollege, die Option mit dem Gutachten für die Bundeswehr möchte ich doch noch einmal anraten (siehe auch vorheriger Beitrag), eventuell müsste auch mit der psychischen Belastung des Soldaten aufgrund der tödlichen Erkrankung des Vaters argumentiert werden. Die Bundeswehr hütet sich sehr, ein Risiko einzugehn, was die Kampf-bzw. Dienstbereitschaft ihrer Soldaten angeht, ich habe selbst im Laufe meiner Praxistätigkeit (bin seit fast 30 Jahren im Dienst ) etliche solcher Anträge durchbekommen (das Einverständnis des Sohnes in diesem Fall hierzu natürlich vorausgesetzt).“

Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie

 

Fazit des fragestellenden Arztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie:

„Nochmals besten Dank für die unterstützenden und hilfreichen Kommentare und Anregungen! An diesem Fall sehe ich, dass ein Forum wie coliquio Vorteile hat, die einfache Literaturrecherche nicht bieten kann.

Zwischenstand von heute: Chemo-Pause, soll in 3 Wochen erneut für 5 Tage gegeben werden. Tiefsitzende Rückenschmerzen unter Novaminsulfon besser, grosse körperliche Schwäche, Stimmung bedrückt, Antrieb erheblich gemindert, Konzentrationsschwäche, gelegentlich Wortfindungsstörungen, unsicheres Gangbild. Wie leider häufig: Neurochirurgische Nachsorge, MRT bei Radiologe, Orthopäde, Hausarzt, Onkologe sind nicht koordiniert, Patient bzw. Ehefrau müssen die Koordinierung selbst übernehmen, so dass erst nächste Woche klar wird, ob Tumor-Wachstum vorliegt, Genese der Rückenschmerzen mit Chemo oder Tumor zusammenhängt, weitere Medikation besprochen wird. Patient ist nach heutigem Gespräch bereit, einen Versuch mit einem SSRI zu wagen. Ich werde aber abwarten, was die Vorstellungen bei Neurochirurgie und Orthopäde nächste Woche ergeben.

Ansonsten bedrücken mich neben dem Schicksal des Patienten die schleppende und wenig strukturierte Nachsorge und weitere Diagnostik. Offenbar ist nicht allen Ärzten bewusst, welche Spannung sich in Patienten aufbaut, die in der Ungewissheit ihres Verlaufs leben und das Gefühl haben müssen, man kümmert sich dort, wo es gut möglich wäre, nicht ausreichend sorgfältig um sie.“

 

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Christine Stegmayer
Christine Stegmayer
verantwortet bei coliquio das Eventmanagement und die Pressearbeit. Von Hause aus Juristin, im Herzen gelebte Marketerin – mit diesem Experten-Mix versorgt sie Pharma-Entscheider regelmäßig mit wertvollen Insights.