Interdisziplinäre Ärzte-Diskussion mit 19 Kommentaren

Original -Beitrag des fragestellenden Allgemeinmediziners vom 30.01.2014:

Meine Patientin leidet an Migräne mit Aura, ist zwischen 20-30 Jahren alt, weiblich und leicht adipös. Sie sagt, Sie dürfe keine Triptane nehmen, da Sie ansonsten einen Schlaganfall bekommen könnte. Das hätte ihr wohl die Schmerzklinik eingetrichtert. Was meint ihr? Erhöhen Triptane das Schlaganfallrisiko bei Migräne-Patienten mit Aura?

Beautiful woman with terrible headache

Grundsätzlich ist das Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Migräne mit Aura per se gesteigert, ebenso tun dies auch Triptane aufgrund der durch den Serotoninagonismus verursachten Vasokonstriktion. Es kann also zu einer Risikoaddition kommen. Triptane sind bei Migräne mit Aura aber nicht grundsätzlich kontraindiziert. Diese dürfen auf keinen Fall während der Auraphase (also vor den Kopfschmerzen) genommen werden. Nach Abklingen der Aura und mit Beginn der Schmerzen können Triptane eingesetzt werden.
Psychiatrie und Psychotherapie

Triptane können problemlos bei Migräne mit und ohne Aura eingenommen werden. Die Idee, dass Triptane nicht während der Aura eingenommen werden sollen, entstammt älteren pathophysiologischen Überlegungen, ob es ein echtes Risiko gibt, ist nicht wirklich sicher. Da es in jedem Beipackzettel steht, würde ich Patienten auch nichts anderes erzählen, das Triptan soll bei Auftreten des Schmerzes eingenommen werden. Das Schlaganfallrisiko von Patienten mit Migräne mit Aura ist unabhängig von der Triptaneinnahme leicht erhöht. Ist die Migräne der einzige Risikofaktor, ist das im Alltag irrelevant (gegen die genetische Disposition kann man ohnehin nichts tun). Relevant wird es, wenn weitere Risikofaktoren (Nikotin, orale Kontrazeption, Übergewicht, Bluthochdruck hinzukommen), diese sind vermeidbar bzw. behandelbar.
Neurologie

Aus meiner Neurologiezeit kenne ich auch noch den Grundsatz, dass Triptane nicht während der Aura eingenommen werden sollen. Da es im Beipackzettel auch so steht, würde ich es dem Patienten auch so raten, denn wenn er auch aus anderen Gründen in dem Moment einen Schlaganfall bekommen sollte, wird schwer nachzuweisen sein, dass die Triptaneinnahme nichts damit zu tun hatte, da es eben eine vasokonstriktive Wirkung hat. Das Dilemma erscheint mir der Umstand, dass Migränemittel doch möglichst früh, also schon zu Beginn der Aura genommen werden sollten und genau davon wurde bei Triptanen abgeraten. Triptane habe die Migränebehandlung wirkungsvoller gemacht, so dass deren Einsatz grundsätzlich zu favorisieren ist, aber eben mit entsprechender Aufklärung. (…)
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

(…) Das leicht erhöhte Schlaganfallrisiko rührt vielleicht daher, dass diese Patienten auch deutlich häufiger ein PFO (persistierendes Foramen ovale) haben als der Durchschnitt. Der Verschluss des PFO (aus anderen Gründen!) führt auch anscheinend zu einem signifikanten Rückgang der Migräne. Ich hatte aber auch schon einen Patienten mit schwerer Migräne bei dem nach einer Cholezystektomie die Migräne verschwand (…)
Neurologie

Ergänzung von Allgemeinmediziner: Die Patientin hatte früher Topamax verschrieben bekommen als Basistherapie. Seit längerem nimmt sie es nicht mehr. Sie hat nun im Monat mehr als 13 Anfälle.

Warum nimmt sie es nicht mehr? Wegen der Nebenwirkungen?

Bei 13 Anfällen im Monat ist eine Prophylaxe dringend indiziert.

In welcher Schmerzklinik war sie? Wenn man da hauptsächlich etwas zur Akutmedikation sagte, die Prophylaxe gar nicht angepasst hat, dann kommt mir das aber sehr seltsam vor. Abgesehen davon sollte man dem Patienten eine Alternative anbieten, wenn man ein Medikament „verbietet“. Abgesehen davon, dass es ja gar nicht „verboten“ ist. Mich würde wirklich interessieren, welche Kollegen welcher „Schmerzklinik“ so etwas vertreten.
Neurologie

Das Ganze ist schon ein bisschen merkwürdig. Folgende Überlegungen:

13 Migräneanfälle pro Monat indiziert eine Anfallsprophylaxe. Warum wird die nicht mehr durchgeführt? Warum wurde Topiramat beendet? Was ist mit dem Mittel der ersten Wahl, also Metoprolol?

13 Anfälle an wieviel Tagen? Besteht hier eine chronische Migräne? Oder ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz? Man könnte daran denken, den Urin der Patientin auf Medikamente untersuchen zu lassen (nicht nur auf Diclofenac).

Ich würde die Patientin nur behandeln, wenn mir zuvor ein schriftlicher Bericht dieser Schmerzklinik vorliegt. Auch wenn für Migräniker nicht gerade typisch – aber vielleicht macht die Frau sich – aus welchen Gründen auch immer – ihren eigenen Reim auf die Aussagen der Kollegen dort. Jedenfalls würde ich mich – zumindest in solchen Fällen – nie allein auf Patientenaussagen verlassen. (…)
Anästhesiologie

 

 

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Christine Stegmayer
Christine Stegmayer
verantwortet bei coliquio das Eventmanagement und die Pressearbeit. Von Hause aus Juristin, im Herzen gelebte Marketerin – mit diesem Experten-Mix versorgt sie Pharma-Entscheider regelmäßig mit wertvollen Insights.