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Beitrag des fragestellenden Allgemeinmediziners:

„Im Gegensatz zur STIKO (2. MMR-Impfungen im 2. Lebensjahr) empfiehlt die SIKO (Sächsische Impfkommission) die 2. MMR-Impfung erst im 6. Lebensjahr.
Widerspricht diese Empfehlung nicht allen Erfahrungen bei den jetzigen Masernausbrüchen, dass viele Kinder mit nur einer MMR-Impfung erkranken und offensichtlich mit einer Impfung nicht ausreichend geschützt sind? Wird die SIKO diese Impfempfehlung an die STIKO anpassen – und wenn nicht mit welcher Begründung?“

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Die zweite Impfung ist doch dafür da, um den Prozentsatz Impflinge auch noch zu erreichen, deren Impfschutz durch die erste noch nicht erreicht worden ist, oder? Also ist sie für den Einzelnen weniger wichtig als die erste – aber zur Sicherheit natürlich sinnvoll, üblicherweise spätestens innerhalb eines Jahres nach der Erstimpfung. Warum man da so lange warten soll, ist unlogisch. Andererseits würde man einem Kind oder jungen Erwachsenen, der nur eine Impfung hat, noch die zweite verpassen – egal zu welchem Zeitpunkt, notfalls auch noch nach Jahren, grundsätzlich geht das und ist besser als nur eine. Vielleicht trägt die SIKO ja auch dem Umstand Rechnung, dass die MMR- Impfung immerhin schon eine Lebendimpfung ist mit durchaus möglichen Unverträglichkeiten. Die Kleinen kriegen ja heute insgesamt eine Vielzahl von Impfungen, und vielleicht will die SIKO ja einfach die Risiken minimieren, bei doch immerhin durch die Erstimpfung relativer Abdeckung der Mehrzahl. Ein weiterer Gedanke könnte sein, dass bei so vielen Impfungen zur gleichen Zeit möglicherweise nicht alle gleich gut ansprechen oder das Immunsystem möglicherweise überfordern könnten.

Arzt für Allgemeinmedizin

2. Impfung 4-6 Jahre nach der ersten ist der US-amerikanische Weg. Die USA sind frei von autochthonen Masern. Wer einmal Masern geimpft ist, hat bis 12 Jahre mit über 95% schützende Antikörper. Wir sollten unsere Energie für eine hohe Rate von Erstimpfungen verwenden anstatt auf die frühen Zweitimpfungen zu schauen.

Arzt für Kinder- und Jugendmedizin

Im Jahr 2000 wurden die USA als „masernfrei“ erklärt. Das heißt nicht, dass es dort keine Masern mehr gibt. Das Virus zirkuliert aber nicht mehr in der Bevölkerung. Im Wesentlichen sind die Masernfälle Folge eines Imports, auch aus Europa, so jedenfalls berichtet das Center for Disease Control. Finnland, das auch erst mit 6 Jahren die zweite MMR-Impfung empfiehlt, ist immer unser Vorbild. Finnland wurde bereits 1996 als masernfrei erklärt. Auch in den USA gibt es Menschen, die absichtlich oder versehentlich nicht geimpft wurden. Die Ausrottung von Masern hängt in erster Linie an der zweiten Impfung. Sie hängt davon ab, dass möglichst viele im zweiten Lebensjahr eine erste Impfung bekommen und davon, dass Schüler, Jugendliche und Erwachsene immun sind.

Arzt für Kinder- und Jugendmedizin

In einem wiedervereinigten Deutschland ist es nicht vertretbar, dass es eine SIKO neben der STIKO gibt. Es sollten einheitliche Regeln für Deutschland gelten. Am besten wäre hier ein Auflösen der SIKO und eine Eingliederung Sachsens auch auf diesem Gebiet nach Deutschland und somit Aufnahme Sachsens in den Zuständigkeitsbereich der STIKO!

Arzt für Kinder- und Jugendmedizin

Das mit der MMR-Impfung im 6. Lebensjahr hat die SIKO verschlafen, das war die frühere Empfehlung auch der STIKO bis in die 90er Jahre.
In den USA sind die Masern keineswegs verschwunden: Von Januar bis Juni 2013 wurden über 100 Fälle bekannt. Die Masern lassen sich eben nicht dauerhaft ausrotten: Mindestens 5% der in der Kindheit Geimpften haben als Erwachsene keinen Impfschutz mehr. Auch bei einer Impfquote von 95% bleiben so ca. 10% der Erwachsenen empfänglich.

Arzt für Kinder- und Jugendmedizin

Erinnere mich an einen Beitrag im Deutschen Ärzteblatt vor längerer Zeit, wo die Frage einer Überforderung des Immunsystems durch zu viele Impfungen auf einmal eindeutig mit „Nein“ beantwortet wurde. Das soll nicht möglich sein.

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Also ich meine zu wissen, dass bei 95% der Kinder eine Impfung sehr wohl ausreicht, die 2. Impfung gibt man, um die „Impfversager“ vom ersten Mal doch noch zu erwischen. Damit bekommt man dann noch mal ein paar Prozent.
Es ist manchmal so, dass Kinder mit einem Jahr noch Antikörper der Mutter haben und deshalb auf die Impfung nicht ansprechen. Das ist ja auch der Grund warum man nicht früher impft. Ein weiterer Grund wäre Immunschwäche zu dem Zeitpunkt. Es ist denkbar, dass man versucht, diese Gründe damit auszuschalten, indem man wartet bis das Kind 6 ist. Allerdings scheint mir das doch etwas spät!

Arzt für Allgemeinmedizin

Die Stiko weiß, warum sie die Auffrischungsimpfung im 2. Lebensjahr empfiehlt. Die Impfung im 6. Lebensjahr fiel früher in die Zuständigkeit des GA bei der Einschulungsuntersuchung, falls die Kinder nicht ausreichend geimpft waren.

Arzt für Kinder- und Jugendmedizin

Die zweite MMR-Impfung ist meines Wissens gerade für eine ausreichende Immunität gegen Mumps notwendig. Eine Impfung im 6. Lebensjahr ist aufgrund der folgenschweren abwendbar gefährlichen Verläufe (Innenohrschwerhörigkeit, Infertilität, Meningoenzephalitis) aus medizinischer Sicht nicht vertretbar. Bezüglich Masern ist bereits nach der ersten Impfung bei 95% der Patienten ein ausreichender AK-Titer vorhanden und die „Impfversager“ werden mit einer zweiten Impfung abgedeckt.
Die USA sind übrigens erst seit 2002 masernfrei und die Hälfte der importierten Masernfälle sind durch deutsche Kinder ausgelöst worden.

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Christine Stegmayer
Christine Stegmayer
verantwortet bei coliquio das Eventmanagement und die Pressearbeit. Von Hause aus Juristin, im Herzen gelebte Marketerin – mit diesem Experten-Mix versorgt sie Pharma-Entscheider regelmäßig mit wertvollen Insights.