Durch die Corona-Krise mussten wir alle unsere Arbeitsweise anpassen – New Work ist plötzlich kein Buzzword mehr, sondern unsere Realität. Beim ersten coliquio Future Talk hat Ibrahim Evsan über die damit verbundenen Chancen und Challenges für Pharmaunternehmen gesprochen. Während seiner Keynote haben uns viele Teilnehmer-Fragen erreicht, für die leider nicht genügend Zeit blieb. In einem Interview hat Herr Evsan sie uns nun alle beantwortet.

Daniela Drescher: In Ihrer Keynote haben Sie das Konzept des Acht-Stunden-Tages in Frage gestellt. Im pharmazeutischen Innen- und Außendienst sind selbst Zwölf-Stunden-Tage keine Seltenheit. Wie kann hier eine Öffnung erreicht werden?

Ibrahim Evsan: Es ist leider so, dass flexible Arbeitszeiten nicht in allen Bereichen möglich sind. Gerade im Vertrieb ist es oft wichtig, dass man persönliche Gespräche führt und sich in die Augen schauen kann. Es gibt aber auch Organisationen, die neue Vertriebsmöglichkeiten, wie Social Selling, nutzen, um ihre Abläufe zu optimieren und Menschen vollautomatisiert anzusprechen. Auch Tools, wie Tripwire, sind beispielsweise für das E-Mail-Marketing sehr zu empfehlen. Damit können auch vollautomatisierte Sales gemacht werden – das ersetzt aber den Außendienst nicht.

Was außerdem in Pharmaunternehmen möglich ist, ist Vertrauensarbeitszeit. Dabei geht es darum, Aufgaben in kleinere To-Dos für den Tag zu zerlegen. Wenn Mitarbeiter mit ihrer To-Do-Liste fertig sind, sollte ich als Chef zufrieden sein und sie in den Feierabend gehen lassen – egal ob nach 4, 6 oder 8 Stunden. Das ist Vertrauensarbeit und gehört zu New Leadership dazu.

Daniela Drescher: Eine wichtige Rolle spielen auch Kommunikationstools, wie beispielsweise Trello. Jedoch kommen häufig Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes auf. Sind diese Bedenken berechtigt oder nur ein Vorwand?

Ibrahim Evsan: Da die Daten häufig in Amerika verarbeitet werden, ist das datenschutzrechtlich durchaus kritisch. Derzeit ist mir jedoch kein Fall bekannt, bei dem Firmeninformationen durch solche Tools im Internet gelandet sind. Es gibt aber auch andere Tools und Services, wie zum Beispiel von Microsoft, die eigene Server in Deutschland eingerichtet haben, um dieses Problem zu lösen.

Um herauszufinden, welche die richtigen Tools für das jeweilige Unternehmen sind, sollte man sie in kleineren Teams einfach mal ausprobieren und den Umgang damit dokumentieren. Macht man damit gute Erfahrungen und strebt eine nachhaltige Arbeits- und Kulturveränderung an, ist es wichtig, sehr früh mit dem Betriebsrat zu sprechen und ihn davon zu überzeugen. In einem Unternehmen, das wir beraten haben, haben wir beispielsweise mit Statistiken argumentiert, die zeigen, wie viele Start-ups solche Tools nutzen – es waren knapp 100 % und damit ein starkes Argument.

Ibrahim Evsan

„Wenn man den Weg in Richtung Innovation gehen möchte, muss man diese neuen, agilen Tools der Zusammenarbeit nutzen, sonst verliert man den Anschluss.“

 

Ibrahim Evsan
Seriengründer und Experte für Digitalisierung

Daniela Drescher: Bedeutet das, dass New Work auch von Teamleitern angestoßen werden kann? Oder muss der Wandel von der Unternehmensführung initiiert werden?

Ibrahim Evsan: Ich würde sagen: Der Mutige gewinnt. Der Wandel zu New Work kann durchaus in einzelnen Teams oder Abteilungen beginnen. Es ist aber wichtig, seine Vorgesetzten darüber zu informieren, dass man sich mit dem Thema beschäftigt, und gut zu argumentieren. Wenn man verdeutlicht, warum New Work wichtig ist, um die angestrebten Ergebnisse zu erzielen, gibt es nur selten Diskussionen darüber.

Daniela Drescher: Setzt das einen guten, persönlichen Kontakt zu den Vorgesetzten voraus? Oder wie kann ich meinen Chef motivieren, New Work und auch Remote Work, zu akzeptieren, wenn ich ihn nicht persönlich kenne?

Ibrahim Evsan: Ich glaube nicht, dass man sich heute unbedingt persönlich kennen muss, um Vertrauen aufzubauen. Im Gegenteil: Manchmal ist es sogar besser, wenn man sich nicht trifft, sondern bei der Sache bleibt. Entscheidend ist hier Empathie, aber auch die Ergebnisse müssen stimmen. Es ist sehr wichtig, dass man auch remote wahrhaftig und vor allem zielorientiert arbeitet.

Daniela Drescher: In Ihrem Vortrag beim coliquio Future Talk haben Sie auch neue Arbeitsräume angesprochen. Welchen Einfluss wird die Corona-Krise Ihrer Meinung nach darauf haben?

Ibrahim Evsan: Wir müssen abwarten, wie lange die Corona-Krise anhält. Wenn sie bald zu Ende ist, glaube ich, dass eine Rückführung in die „alte Welt“ sehr schnell kommen wird. Aus dem einfachen Grund, dass wir Menschen Gewohnheitstiere sind und gewohnte Strukturen immer wieder zurück haben möchten.

Falls die Krise aber anhält und Remote Work gesetzlich geregelt wird, müssen wir auch über die Arbeitsräume zu Hause nachdenken. So, wie momentan viele daheim arbeiten, kann es nicht weitergehen. Unternehmen müssen den Arbeitsschutz auch auf den Heimarbeitsplatz übertragen. Die internen Büroräume werden sich dadurch ebenfalls verändern – ähnlich wie IBM es schon immer macht. Jeder kann an jedem Platz arbeiten, wenn er ins Büro kommt. Doch genau diesen Schritt halte ich für bedenklich. Menschen, die immer noch viel mit Papier arbeiten, brauchen oft feste Arbeitsplätze. Und die Menschen, die eher papierlos arbeiten, können flexibel in zusammengeführten Büroräumen, an sogenannten Begegnungsorten sitzen, in denen man kreativ sein und sich austauschen kann.

Jedes Unternehmen arbeitet anders, jedes Unternehmen hat eine andere Definition von datenschutzkonformer Arbeit und damit andere Möglichkeiten. Wichtig ist vor allem, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu erfragen, sie in den Veränderungsprozess miteinzubeziehen und immer wieder ihr Feedback einzuholen.

Ibrahim Evsan

„Das Thema New Work ist wirklich eine komplett neue, andere Welt. Alles, was wir vorher kannten, ist anders. Dabei geht es sehr viel um Beziehungsmanagement.“

 

Ibrahim Evsan
Seriengründer und Experte für Digitalisierung

Daniela Drescher: Wie lange dauert ein solcher Veränderungsprozess hin zu New Work Ihrer Erfahrung nach?

Ibrahim Evsan: New Work kann nur mit einem wirklich guten Teamgeist funktionieren. Es geht um Zusammenarbeit, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Offenheit, Zugänglichkeit und am Ende des Tages auch Empathie. Dazu braucht man Führungskräfte, die das vorleben und vorantreiben können – und diese Form der Zusammenarbeit zum gemeinsamen Ziel des Teams machen.

Wenn das Team das wirklich will und man als Führungskraft genau in diese Richtung denkt, kann der Wandel unfassbar schnell gehen. Dann braucht man keine Jahre, sondern vielleicht sechs oder acht Monate – je nach Unternehmensgröße. Aber auch in Großkonzernen kann New Work innerhalb von zwölf Monaten integriert werden.

Daniela Drescher: Zum Abschluss habe ich Ihnen noch eine kleine Aufgabe mitgebacht: Stellen Sie sich vor, Sie sind Teamleiter und haben nur eine Minute Zeit, um Ihren Vorgesetzten von New Work zu überzeugen – wie würden Sie argumentieren?

Ibrahim Evsan: Die Veränderung der Arbeitswelt ist bereits reeller denn je. Wir haben jetzt die einmalige Chance, als Führungskraft zu beweisen, dass wir nicht der Vergangenheit angehören, sondern der Zukunft. Um das zu schaffen, müssen wir unsere Projekte in Zukunft flexibel und projektbasiert planen. Um in dieser schnelllebigen Welt die richtigen Leute zu finden und zu motivieren, müssen wir unser Unternehmen mit einer starken Innovationskraft ausstatten und eine neue Form von Haltung, Kultur und Führung etablieren. Ich bitte Sie darum, mir die Möglichkeit zu geben, in meinem kleinen Team, neue Dinge ausprobieren zu können, die unter dem Begriff New Work stehen.

Ich glaube, wenn man etwas in dieser Richtung schreibt oder sagt, hat man drei Dinge getan: Man hat erst einmal die aktuelle Situation erklärt, man hat Motivation bewiesen und eine Chance für das Unternehmen aufgezeigt und man hat selbst die Verantwortung dafür übernommen.

Daniela Drescher: Herr Evsan, vielen Dank, dass Sie sich noch einmal Zeit für die Fragen unserer Teilnehmer genommen haben. Es war ein inspirierender Austausch!

coliquio Future Talks

Welchen Impact hat die Corona-Krise?

In der zweiten Folge der coliquio Future Talks, am 26. Juni 2020, sprechen wir mit Experten über die Auswirkungen der Krise auf die Arztkommunikation. Stephanie Kaiser, Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung, gibt Einblicke, was die Krise auf politischer, institutioneller Ebene bewirkt: Wird Telemedizin unser New Normal? Welche Digital-Themen stehen jetzt noch im Fokus?

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Daniela Drescher
Daniela Drescher
berichtet für coliquio Insights über die wichtigsten Marketing-Trends und liefert Inspirationen für die Pharmakommunikation der Zukunft.